Kulturkampf am Obstmarkt
Bozens Wirtschaftsstadträtin Johanna Ramoser möchte den Obstmarkt aufwerten. Ein 30.000-Euro-Auftrag an den hds sorgt im Rathaus für Unstimmigkeiten, die pakistanischen Standbetreiber haben in Vermögensstadtrat Stefano Fattor ihren Fürsprecher.
von Thomas Vikoler
Am 13. März flatterte den Mitgliedern des Kaufleuteverbandes hds, Ortsgruppe Bozen, ein Schreiben mit einem ungewöhnlichen Briefkopf ins Haus: Auf der linken Seite das Wappen der Gemeinde Bozen, auf der rechten das hds-Logo mit dem Slogan „we are economy“. Geladen wurde mit dem Schreiben zu einer Informationsveranstaltung betreffend das „Projekt Obstmarkt“ am 19. März im Repräsentationssaal der Gemeinde.
Ungewöhnlich ist, dass sich die Gemeinde für ein Vorhaben, das sie (allein) mit 30.000 Euro finanziert, quasi als Co-Partnerin eines Verbandes präsentiert.
Johanna Ramoser, die zuständige Wirtschaftsstadträtin, findet daran nichts Anstößiges: „Der hds hat als einziger ein Angebot für die erste Phase des Projekts eingebracht und ist nun sein Träger. Warum sollten wir nicht gemeinsam auftreten?“.
Der Wirtschaftsverband organisiert, u.a. mit der Beauftragung einer privaten Agentur, den partizipativen Prozess mit Workshops, in denen die Standbetreiber, die Geschäftsinhaber, die Gastronomen, das Obstmarktkomitee sowie Vertreter des hds und des italienischen Pendants Confesercenti eingebunden wurden. Die Ergebnisse der Erhebungen der Arbeitsgruppesollen dann in einer zweiten Phase zu praktischen Maßnahmen und einer Änderung des Marktreglements führen.
„Ich wollte, dass alle Beteiligten an einem Tisch sitzen, auch die Standbetreiber, die Strafen erhalten haben“, sagt Ramoser.
Gemeint sind die beiden 150-Euro-Verwaltungsstrafen gegenzwei Inhaber von Obstmarktständen, die laut Erhebungen der Marktpolizei im Jahre 2021 den erlaubten Trockenfrucht-Anteil von 20 Prozent im Angebot überschritten haben. Sie Standbetreiber gingen damit bis zur Kassation, die vergangenes Jahr bestätigt hat, dass die Strafen rechtmäßig waren. Bei drei Zuwiderhandlungen droht der Lizenzverlust, wie der Anwalt Thomas Brenner, der die Betroffenen in dem langen Verfahren vertreten hat, betont.
Grundlage für die Ausstellung der Strafen war das 2016 von Kommissär Michele Penta abgeänderte Marktreglement mit rigiden Vorgaben, auf wie vielen Ständen was verkauft werden darf.
Auch weil in den vergangenen Jahren weitere Gemüsestände ihre Lizenz an Pakistaner abgetreten haben und sich der Gemüsehandel kaum lohnt, erweist sich das Reglement als schwer anwendbar. „Die Warentabelle muss modernisiert werden, es ist utopisch, dass an allen 14 Ständen so wie früher Obst und Gemüse verkauft wird“, sagt Anwalt Brenner, der an dem Treffen am 19. März teilnahm.
Der Bozner hds-Obmann Thomas Rizzolli lancierte im „Tagblatt der Südtiroler“ genau diese Vorstellung: Vornehmlich Südtiroler Bauern sollten am Obstmarkt ihr Obst und Gemüse verkaufen – Trockenfrüchte ade.
Beim Treffen vor zwei Wochen musste Rizzolli seine Position revidieren. Auf Intervention von Vermögensstadtrat Stefano Fattor erklärte er, die Arbeitsgruppe müsse ergebnisoffen vorgehen. Im Vorfeld hatten nicht nur Fattor, sondern auch der Verband Confesercenti den 30.000-Euro-Auftrag an den in dieser Frage offenbar voreingenommenen hds kritisiert. Demnächst soll dazu ein klärendes Gespräch mit Stadträtin Ramoser stattfinden.
„Auf dem Obstmarkt arbeiten rund 50 Personen pakistanischer Herkunft, die zum Teil bis zu 200.000 Euro für eine Lizenz bezahlt haben. Sie sind absolut zu schützen und wertzuschätzen“, sagt Fattor, der betont, dass am Ende nicht der hds, sondern der neue Gemeinderat über die Zukunft des Obstmarktes entscheide.
Dieser könnte, wie in der Arbeitsgruppe besprochen, eine wirtschaftlich lukrative Zweitnutzung am Abend erhalten: Die Stände würden demnach als Aperitiv- oder Weinbars genutzt. Schließlich ist der Obstmarkt derzeit die einzige Ausgehmeile in der Altstadt.
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