„Ich war immer ich selbst“
Die ehemalige Landtagsabgeordnete der Freiheitlichen, Tamara Oberhofer, kandidiert für die SVP in Bruneck. Berührungsängste? Keine!
von Artur Oberhofer
Sie war immer eine Politikerin, die sich kein Blatt vor den Mund genommen hat.
Tamara Oberhofer hatte ihr Ohr stets ganz nah am Volk. Fünf Jahre lang, von 2013 bis 2018, saß die inzwischen 42-Jährige für die Freiheitlichen im Südtiroler Landtag.
Tamara Oberhofer redete immer so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Auch bei gesellschaftspolitisch heiklen Themen.
Legendär waren, zum Beispiel, ihre Aussagen zu den Männerblicken in der Sauna.
Tamara Oberhofer sagte damals in einem TAGESZEITUNG-Interview, sie habe nichts dagegen, wenn Sie von Männern in der Sauna angeschaut werde: „Ich gehe selbst gerne in die Sauna, etwas ist das Schauen, etwas ist das Gaffen, aber er ist schon so: Frauen schauen nicht weniger als Männer.“
Sie empfinde es als Kompliment, wenn ein Mann sie anschaue. „Ich würde mir eher Sorgen machen, wenn mich die Männer nicht mehr anschauen“, sagte sie.
Und auf die Frage, was sie macht, wenn ein Mann in der Sauna ständig auf ihren Busen starrt, sagte Tamara Oberhofer in dem Interview keck: „Dann täte ich ihm sagen: Ich kann dir gern ein Foto von meinem Busen geben.“
Es was dies, also, ein Zeit, in der es in der Politik noch Humor gab.
Insbesondere die Grünen empörten sich über die Aussagen der blauen Powerfrau. Frauenrechtlerinnen schoss die Zornesröte ins Gesicht.
Jene Tamara Oberhofer, die vor Jahre für die Blauen im Hohen Haus gesessen hat, wechselt jetzt die Fronten. Sie kandidiert bei den Gemeinderatswahlen in Bruneck. Für die SVP.
Berührungsängste? „Nein, überhaupt nicht.“
Sie sei gefragt worden, erzählt Tamara Oberhofer, die jetzt in Ehrenburg bei einem Bauträger arbeitet, und habe Ja gesagt. Sie habe in der Zwischenzeit, seit ihrem Ausscheiden aus dem Südtiroler Landtag im Herbst 2018, eine „gute Distanz“ zur Politik bekommen. „Aber“, sagt sie, „die politische Denke ist geblieben, das kann ich nicht abstellen, die Politik ist für mich Leidenschaft.“
Sie habe seit jeher eine praktischen und pragmatischen Zugang zur Politik – und weniger einen ideologischen. Zurück in den Landtag möchte sie nicht mehr. „Das habe ich schon gehabt“, sagt sie ohne Wehmut.
Sie sei inzwischen so sehr im realen und praktischen Leben angekommen, dass sie auch die Kehrseite der politischen Medaille sieht.
Nämlich: „Ich habe das Gefühl, dass die heutigen Abgeordneten im Landtag Einzelkämpfer sind, jede/r versucht, und die eigene Klientel zu bedienten, und viele Politiker, insbesondere die Abgeordneten auf den Oppositionsbänken, hätten nicht die Courage, den Menschen reinen Wein einzuschenken und zu sagen: Tut mir leid, das geht nicht, das ist nicht machbar.“
Viele PolitikerInnen würden so tun, als wäre die Politik ein Wunschkonzert, sie verspräche den Menschen Sachen, von denen sie wüssten, dass sie weder vernünftig noch machbar seien.
Die PolitikerInnen, so Tamara Oberhofer, hätten sich „zu weit von den Menschen entfernt“. Sie habe oft das Gefühl, dass die politische Kaste und der Rest der Bevölkerung in zwei getrennten Welten lebten.
Tamara Oberhofer hat noch die Zeiten miterlebt, als die Freiheitlichen die mit Abstand stärkste Oppositionspartei im Lande waren.
Bei den Gemeinderatswahlen 2010 erreichten die Baluen nicht weniger als 131 Ratssitze im ganzen Land, Walter Blaas kam in Brixen sogar in die Stichwahl gegen den SVP-Kandidaten Albert Pürgstaller und holte über 35 Prozent der Stimmen.
Heute gibt es zwar eine freiheitliche Landesrätin (Tamara Oberhofer: „Die Ulli schlägt sich meiner Meinung nach gut“), aber die Partei sei praktisch verschwunden.
Die Freiheitlichen treten nur mehr in fünf Gemeinden des Landes an: Marling, Burgstall, Ulten, Eppan und Mölten.
In Vals kandidiert sogar der Bruder des freiheitlichen „Vaters“ Pius Leitner, Alois Leitner, auf der SVP-Liste. In Pfalzen ist Roland Tinkhauser, der Landtagskollege von Tamara Oberhofer, amtierender und wohl auch nächster SVP-Bürgermeister.
Eine ehemaliger blauer Funktionär sagt: „Inzwischen kandidieren mehr Freiheitliche auf den Listen den SVP als auf blauen Listen.“
Tamara Oberhofer sieht den blauen Niedergang mit geschmischten Gefühlen. Ulli Mair habe etwas erreicht, was sie – so vermutet Tamara Oberhofer – „vielleicht selbst gar nicht erwartet hat“.
Die Partei sei aber kaputt. „Wenn es keine Basis mehr gibt, dann gibt es auch keine Partei mehr.“
Sie selbst habe die Politik noch als Teamarbeit in Erinnerung, „wo jeder für den anderen gelaufen“ sei. Dass sie jetzt für die Volkspartei kandidiert, sieht Tamara Oberhofer nicht als Verrat, sondern als logische Weiterentwicklung einer leidenschaftlichen Politikerin. „Ich bin eine, die anpackt, die sagt, was sie denkt.“ Und das würde sie auch tun, wenn sie in den Brunecker Gemeinderat einziehen sollte. Es mag vielleicht, so fährt sie fort, „nicht immer alles gescheit gewesen sein“, was sie gesagt habe. „Aber es war immer authentisch, ich war immer ich selbst“, erklärt sie.
Genaus das bemängle sie an der heutigen Politik.
Und ja: Mehr Humor, sagt Tamara Oberhofer, würde sie sich in der Politik wünschen.
Kommentare (7)
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