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„Medizinisch relevant geworden“

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Nach den Alkoholexzessen bei der Fete in Reinswald: Hat Südtirols Jugend ein so großes Alkoholproblem? Und: Könnten tatsächlich K.O.-Tropfen im Spiel gewesen sein?

von Markus Rufin

Die Fete in Reinswald, bei der elf Personen, darunter auch Minderjährige, wegen einer vermuteten Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, sorgte nicht nur hierzulande für Schlagzeilen. Auch nationale und österreichische Medien berichteten über die Alkoholexzesse.

Angesichts dessen verwundert es nicht, dass sich für künftige Veranstaltungen ähnlicher Art härtere Maßnahmen und mehr Kontrollen anbahnen. Unter anderem soll bei Maturabällen in Bozen der Zutritt von unter-16-jährigen nur in elterlicher Begleitung ermöglicht werden. Die Organisatoren der „Wissnight“, des Maturaballs des wissenschaftlichen Lyzeums, mussten deshalb rund 300 Tickets rückerstatten.

Doch ist dies wirklich nötig? Hat Südtirols Jugend ein so großes Alkoholproblem, oder handelt es sich um einen unangenehmen Einzelfall?

Ohne Frage – die Tatsache, dass die Fete im Sarntal eskaliert ist, ist unbestreitbar. Keineswegs lässt sich daraus aber direkt ableiten, dass Südtirols Jugend irgendein Alkoholproblem hätte oder sich dieses gerade massiv verstärkt.

Die Suche nach konkreten Daten fällt etwas schwer. Die letzten erfassten daten bezeiehn sich auf das Jahr 2022 und beziehen sich auf eine Studie des ISS (Istituto Superiore della Sanità). Dementsprechend zählen 27 Prozent der elf- bis 24-jährigen zu sogenannten „Risikokonsumenten“, was so viel bedeutet, dass sie mindestens einmal im Jahr Binge-Drinking (mehr als fünf alkoholische Getränke an einem Tag) betreiben. Das hört sich zwar nach viel an, von einem kontinuierlichen Anstieg kann aber keine Rede sein. Im Gegenteil: Noch 2016 lag der Anteil bei 39,2 Prozent, in den Jahren zuvor war er ähnlich hoch.

Wesentlich aussagekräftiger sind aber ohnehin die Daten zu den Krankenhausentlassungen im Zusammenhang mit einer Alkoholvergiftung. Auch hier fehlen zwar die Daten der letzten Jahre, doch regelmäßige Anfragen von Myriam Atz-Tammerle im Zeitraum von 2018 bis 2022 geben einen guten Aufschluss darüber, dass es zumindest bis vor wenigen Jahren keine klaren Tendenzen gab. Dementsprechend gab es zuletzt 40 Entlassungen von Jugendlichen im Alter von elf bis 24 Jahren – 2018 war die Zahl gleich hoch. Diese Zahlen stimmen auch mit Aussagen von Discotheken- und Bar-Betreibern überein, die insbesondere seit der Corona-Pandemie über einen Rückgang des Alkoholkonsums bei Jugendlichen berichten.

Für die Eskalation im Sarntal gibt es aber noch eine zweite These: Dementsprechend soll es auf der Party eine K.O.-Tropfen-Warnung gegeben haben.

Der Notfallmediziner Luca Moroder hatte im Laufe der letzten Jahre bereits mehrere Einsätze aufgrund einer Alkoholvergiftung, ebenso bei KO-Tropfen musste er bereits anrücken. Eine These zum konkreten Fall im Sarntal möchte er aber nicht abgeben, da er nicht vor Ort im Einsatz war.

Grundsätzlich ist es aber so, dass eine Alkoholvergiftung bis hin zur Bewusstlosigkeit führen kann: „Die Symptome variieren je nach Blutalkoholspiegel und reichen von Redseligkeit, Gang -und Koordinationsstörungen über Übelkeit und Erbrechen bis hin zur Bewusstlosigkeit. Diese kann prinzipiell bei einem Blutalkoholspiegel über 3 bis 3,5 Promille auftreten und durch zusätzliche Kreislauf- und Atemproblemen erschwert werden. Nicht jede Person reagiert auf eine Alkoholintoxikation auf dieselbe Art. Letztendlich hängen die Komplikationen stark von Alter, Geschlecht, Körpergewicht und Toleranz ab. Bei manchen reicht auch ein geringerer Gehalt ab, um bewusstlos zu sein“, erklärt Moroder. Allein aufgrund der Bewusstlosigkeit könne man ohne zusätzlicher Laborprobe nicht darauf schließen, ob eine Person nun ein, zwei oder doch drei Promille intus habe.

Auch die Einnahme zusätzlicher Substanzen – man spricht dann von einer gemischten Intoxikation – kann zu Symptomen wie Bewusstlosigkeit führen. Oft liefern Aussagen von Begleitpersonen im Rahmen der Anamnese Hinweise auf den Konsum zusätzlicher Substanzen. Ohne diese Informationen gestaltet sich der Nachweis weiterer Substanzen jedoch schwierig

Und selbst bei einer laborchemischen Untersuchung ist zwar der Nachweis der geläufigsten Drogen möglich, es gibt laut Moroder aber auch Substanzen, die bereits innerhalb weniger Stunden nicht mehr nachgewiesen werden können. Dazu zählen unter anderem auch einige KO-Tropfen.

Diese sind, so Moroder weiter, jedoch nicht ausschließlich auf großen Veranstaltungen im Umlauf. „Es gibt auch Fälle außerhalb von Großveranstaltungen, im Alltag. Einen Einsatz, bei dem mehrere Personen zur selben Zeit am selben Ort Probleme durch KO-Tropfen hatten, habe ich bisher nicht erlebt“, so Moroder.

Gleichzeitig seien aber solche KO-Tropfen in den letzten Jahren „für die Notfallmedizin relevant“ geworden, weil man immer wieder mit Fällen konfrontiert wird.

Grundsätzlich sei es in einer Notfallsituation wichtig, bei einem konkreten Verdacht auf KO-Tropfen ausdrücklich darauf hinzuweisen, sofern diese bekannt sind.

Abschließend gibt Moroder nochmal einen Rat im Umgang mit Alkohol: „Es ist ratsam, so wenig wie möglich Alkohol zu konsumieren, da er nachweislich zu bleibenden Schäden an Gehirn, Nerven und Leber sowie zu Abhängigkeit führen kann. Bei einer Alkoholvergiftung, die zu Bewusstlosigkeit führt, sollte man auf jeden Fall die Atmung kontrollieren, die Person in die stabile Seitenlage bringen und frühzeitig den Rettungsdienst alarmieren.“

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