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„Deutliches Zeichen an die Ampel“

Martin Krautwurst war Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Meran. Seit zwei Jahren ist er zurück in Thüringen. Seine Bilanz über das dortige Wahlergebnis.

Tageszeitung: Herr Pfarrer Krautwurst, in Thüringen haben knapp 33 % der Wähler und Wählerinnen der AfD die Stimme gegeben, in Sachsen über 30 %. Ist der Osten ultrarechts?

Martin Krautwurst: Ich glaube nicht, dass alle Wähler der AfD politisch rechtsextrem orientiert sind, auch wenn dieses Wahlergebnis erschreckend ist. Man muss das Ganze differenziert betrachten. Es gibt ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Die Mehrheit der Wähler, rund 70 %, hat trotz allem demokratisch gewählt. In den großen Städten hat die CDU immer noch einen relativ großen Zuspruch, auch die Linken und die Grünen haben Rückhalt. Auf dem Land ist es anders, da überwiegen die AfD-Wähler. Diese Menschen sind unzufrieden mit ihrer Lebenssituation und das Ergebnis dieser Wahl ist der Ausdruck ihrer Enttäuschung über die politische Situation in der Bundesregierung.

Womit sind sie unzufrieden?

Viele Menschen im Osten verstehen die Entscheidungen der Bundesregierung nicht und fühlen sich selbst nicht verstanden. Hinzu kommen Unterschiede zwischen Ost und West, die bis heute nicht aus- bzw. angeglichen sind. Das fängt bei den Löhnen und Renten an, die noch immer sehr viel niedriger sind als in den alten Bundesländern. Einige Menschen haben außerdem das Gefühl bevormundet zu sein und das mögen sie nicht. Das hängt damit zusammen, was sie zu Ostzeiten erlebt haben.

Das starke Wahlergebnis für die AfD hat sich abgezeichnet. Hatten Sie selbst damit gerechnet?

Ich habe auf mehr Vernunft und weniger Protest bei den Wählern gehofft. Ich dachte, dass die Menschen verstehen, dass eine rechtsgerichtete Regierung keine Veränderung bringen wird. Die errungene Demokratie im Herbst 1989 und die dadurch gewonnenen Freiheiten geraten durch diktatorische Parteien immer mehr in Gefahr.

Sie selbst befinden sich derzeit auf Urlaubsvertretung in Südtirol und haben deshalb per Briefwahl gewählt. Wie war die Stimmung in Thüringen in den vergangenen Wochen?

Bunt gemischt. Die Mehrheit der Bürger wollte eigentlich wieder Bodo Ramelow als Ministerpräsidenten. Das Problem war aber, dass niemand mehr der Linken die Stimme geben wollte. Ramelow ist sehr beliebt und kommt aus dem Gewerkschaftsbereich.

Die Ampelkoaliton auf Bundesebene wurde regelrecht abgewatscht. Wie erklären Sie sich das?

Grüne und FDP waren in Thüringen nie besonders stark, aber so niedrige Prozentwerte gab es für sie noch nie und dieses deutliche Zeichen kann man auch in Berlin nicht übersehen. Ich glaube, dass es nicht nur um die politischen Inhalte alleine geht, sondern auch darum, dass die Bundesregierung ihre Politik und die Zusammenhänge nicht ausreichend erklärt und das führt zu dieser großen Unzufriedenheit bei einigen Wählerschichten. Vieles nämlich, ich denke da z.B. an den Ukraine-Krieg – sind äußere Zwänge, auf die die Bundesregierung reagiert.

 Thüringens AfD-Chef Björn Höcke hat bereits Regierungsansprüche gestellt, niemand will jedoch mit ihm koalieren. Wäre es Ihrer Meinung nach besser die AfD mit an die Macht zu lassen, um sie zu entzaubern?

Nein, aus Vernunftgründen ist davon abzuraten. Die AfD an die Macht zu lassen, birgt eine Gefahr für die Demokratie in sich. Auch wenn sich die AfD wahrscheinlich sehr schnell entzaubern würde. Das zeigt das Beispiel im Landkreis Sonneberg, wo es seit den letzten Kommunalwahlen vor eineinhalb Jahren einen AfD-Landrat gibt. Statt des versprochenen Aufschwungs ist ein Rückgang der wirtschaftlichen und sozialen Struktur zu verzeichnen.

 Die große Frage ist derzeit: Wer wird in Thüringen und Sachsen nun regieren?

Ich glaube, in beiden Bundesländern wird es Ministerpräsidenten der CDU geben, die sich für die Mehrheitsbildung ihrer Regierung sehr strecken und vielleicht auch etwas verbiegen müssen. In Thüringen wird es wohl Mario Voigt mit der SPD und dem BSW sein und dabei eine Unterstützung von den Linken bekommen. In Sachsen wird es vermutlich ähnlich sein. Es wird insgesamt eine instabile Regierung, weil zu viele ideologische Richtung darin vertreten sind.

Das überraschend starke BSW der ehemaligen Linken-Ikone Sarah Wagenknecht ist das Zünglein an der Waage?

Ich denke schon. Allerdings wurde das BSW sehr kurzfristig zusammengestellt, ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass ein fundiertes Parteiprogramm vorliegt und dass auf die populistischen Aussagen auch schnelle Lösungen folgen. Dafür ist die weltpolitische Situation zu komplex. Sarah Wagenknecht kenne ich übrigens von Kindesbeinen an.

Ach ja?

Ja, ich habe sogar ein Foto, wo wir gemeinsam im Sandkasten sitzen. Sie verbrachte viel Zeit bei ihren Großeltern in meinem Heimatdorf Göschwitz. Sie zog dann weg und ich habe keinen Kontakt mehr zu ihr. Befreundet bin ich hingegen mit dem CDU-Spitzenkandidaten Mario Voigt, er war Mitglied meiner früheren evangelischen Gemeinde, ich habe ihn getraut und einen seiner Söhne getauft.

Zurück zur Politik: Kann die Bundesregierung angesichts dieses Wahlergebnisses im Osten weitermachen wie bisher?

Wenn die Ampel so weitermacht, dann hat sie sich schon aufgegeben. Sie muss neue Wege gehen, auch die Zusammenarbeit mit der CDU/CSU suchen und vor allem ihre Politik erklären.

Interview: Karin Gamper

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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