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„Ruhe bewahren“

Alex Weissensteiner

Alex Weissensteiner, Professor an der Uni Bozen, erklärt nach der Börsentalfahrt zu Beginn der Woche, ob es sich tatsächlich um einen „Crash“ handelt.

Tageszeitung: Herr Weissensteiner, hat sich die Talfahrt, die am Montag die Börsen und viele Anleger erschütterte, in irgendeiner Form angekündigt?

Alex Weissensteiner: Es war wohl eine Panikreaktion auf die Daten zum Arbeitsmarkt in den USA, die zwar nicht schlecht sind, aber dennoch weniger gut als erwartet ausgefallen sind. Kurskorrekturen gibt es immer dann, wenn Erwartungen neu angepasst werden. In den letzten Wochen sind einzelne Titel vielleicht zu stark angestiegen. Speziell im Bereich der Künstlichen Intelligenz hat man gemerkt, dass die Ideen zwar vorhanden sind, diese aber in Geld umzuwandeln, möglicherweise jedoch länger dauert. Außerdem hat die amerikanische Notenbank entgegen der Erwartungen die Leitzinsen etwas zögerlicher zurückgenommen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Deswegen wiederum gab es spontan eine starke Reaktion in Japan, weil auch dort die Notenbank erstmals wieder die Zinsen angehoben hat, womit man aufgrund der dort lange Zeit ausgeübten  Nullzinspolitik nicht gerechnet hatte.

Gibt es weitere Ursachen?

Es gibt zum einen den Konflikt im Nahen Osten und  dann eine hartnäckige Inflation, die sich speziell auf den Bereich Dienstleistungen konzentriert – auch in Europa.

Wie wird sich die Lage an den Börsen in den kommenden Tagen weiterentwickeln?

Es darf nicht übersehen werden, dass die USA trotz allem immer noch ein vielversprechendes Wirtschaftswachstum aufweisen. So hat man bereits am Dienstag gesehen, dass die Märkte diese negative Sicht teilweise wieder korrigieren wollten. Japan hat schon korrigiert. Auch die europäischen Märkte waren ursprünglich negativ, konnten aber zum Handelsende Boden gut machen und waren am Dienstag schon wieder positiv, ebenso die USA. Es hat zwar eine starke Reaktion gegeben, aber die letzten beiden Tage deuten darauf hin, dass das Ärgste vorbei ist und– zwar mit erhöhter Volatilität – zur Arbeit zurückgekehrt wird.

Dann würden Sie für die Talfahrt am Montag nicht das Wort „Crash“ in den Mund nehmen?

Nein, denn weder die Stabilität ist gefährdet noch ist etwas völlig Neues eingetreten, mit dem niemand gerechnet hatte.

Welche Folgen hat die Situation für Aktien, ETFs und Altersvorsorge?

Wenn jemand ein Aktieninvestment tätigt, dann sollte das immer für eine lange Zeitperiode sein. Man sollte sich aufgrund solcher Tage wie den vergangenen Montag oder auch etwas längerer Perioden nicht von einem Investment trennen und Verluste realisieren. Es ist nicht anzuraten, durch einzelne Events immer wieder die Strategie zu ändern. Wenn man sich dazu entscheidet, Aktien zu kaufen, anstatt das Geld auf dem Sparbuch zu lassen, dann muss man damit rechnen, dass es höhere Schwankungen gibt und es werden auch die Tage kommen, wo die Kurse auch mal stärker nach unten korrigiert werden. Dann darf man aber nicht sofort das Handtuch werfen, sondern muss einen langen Atem haben und den Zeithorizont auch nutzen. Wichtig ist einzig, dass man breit aufgestellt ist, denn dann können Schwankungen abgefedert werden. Also breit streuen, Durchhaltevermögen haben und das grundsätzliche Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Gehen Sie davon aus, dass sich die Lage noch weiter beruhigen wird?

Wir haben in einem einzelnen Sektor wie dem Technologiesektor sehr starke Kursgewinne. Dass es dann mal eine Korrektur gibt und auch eine Schwankung nach unten von zehn oder zwanzig Prozent, kann immer wieder eintreten. Derzeit gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Märkte weiter fallen, denn sonst würden die Kurse im Moment nicht steigen. Die aktuelle Situation ist nicht zu vergleichen mit 2008, dem Ausbruch der Pandemie oder mit geopolitischen Spannungen, die zwar vorhanden sind, aber sich nicht wesentlich verändert haben.

Interview: Sandra Fresenius

 

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