Wer gewinnt die EM?
Am Freitag hat die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland begonnen. Der Chef des Südtiroler Landesfußballverbandes und TAGESZEITUNG-EM-Experte Klaus Schuster erklärt, wer die Favoriten sind, welche taktischen Ausrichtungen uns erwarten und was er von Italien, Deutschland und Österreich erwartet.
TAGESZEITUNG Online: Herr Schuster, die Europameisterschaft in Deutschland hat begonnen. Ist bei Ihnen bereits das EM-Fieber ausgebrochen?
Klaus Schuster: Von EM-Fieber würde ich jetzt nicht sprechen, weil ich mich in den letzten Wochen mit anderen Dingen beschäftigen musste. Jetzt kommt aber schon Vorfreude auf.
Wie sieht es in Ihrem Umfeld aus? Freut sich Fußball-Südtirol auf diese EM?
Ich glaube in Südtirol herrscht derzeit eher Tennis-Euphorie. Ich glaube allgemein werden die Leute mit Fußball überfüttert. Das Niveau ist in der Champions League wesentlich höher als bei internationalen Turnieren zwischen Nationalmannschaften. Wenn ich mich zum Beispiel an das 3:3 im Champions-League-Viertelfinale zwischen Real Madrid und Manchester City heuer zurückdenke, dann war das ein Mega-Fußballspiel, ich glaube nicht, dass wir solche Spiele auch bei der Europameisterschaft sehen.
Große Fußballleckerbissen erwarten Sie sich also nicht?
Nein, wie gesagt, in der Champions League ist das Niveau für gewöhnlich höher. Dazu kommt, dass die Spieler – vor allem die Engländer – viele Spiele in den Beinen haben. Von der Klasse der Einzelspieler her wären die Engländer Favorit Nummer 1, ich bin neugierig, ob sie das hinbekommen.
Weil die EM in Deutschland stattfindet, ist die Medienpräsenz groß. Zudem ist die Nähe zu Südtirol nicht groß. Hat das Auswirkungen darauf, wie Südtirol dieses Turnier wahrnimmt?
Interessant ist das Turnier für uns vor allem deshalb, weil sowohl Österreich, Deutschland als auch Italien dabei sind. Bei der Weltmeisterschaft waren Italien und Österreich nicht dabei, Deutschland ist bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Damit ist das Interesse schnell gesunken, einige haben vielleicht sogar vergessen, dass Italien eigentlich Titelverteidiger ist. Diesmal wird das sicher anders sein.
Wer sind die Favoriten auf den Titelgewinn?
Ich glaube, neben den Engländern, die ich bereits genannt habe, muss man die Franzosen auf jeden Fall auf dem Zettel haben. Die beiden Mannschaften haben von den Spielern her die größte Qualität. Auch die Spanier werden wieder angreifen. Hinzu kommt Deutschland, das nach einer schwierigen Phase als Gastgeber hohe Ambitionen hat. England und Frankreich sind gegenüber diesen Nationen aber sicher qualitativ besser.
Italien zählt für Sie nicht zu den Favoriten?
Nein, wenn man den Marktwert der Spieler hernimmt und ihn mit jenen der Franzosen oder Engländer vergleicht, dann liegen da einige 100 Millionen Euro dazwischen. Die Italiener sind deswegen aber nicht zu verachten. Sie sind taktisch variabler als die meisten Mannschaften. Sie haben gezeigt, dass sie immer dann stark sind, wenn nur die wenigsten mit ihnen rechnen. Für eine Überraschung ist Italien immer gut.
In Südtirol gibt es viele Fans der deutschen Nationalmannschaft. Sie zählen die Mannschaft zu den Favoriten…
Die Euphorie in Deutschland hat sich bis vor einigen Monaten in Grenzen gehalten. Der neue Bundestrainer Julian Nagelsmann hat ausgemistet und bekannte Spieler zuhause gelassen. In Testspielen gab es dann einen Sieg gegen Frankreich, seitdem ist die Euphorie im Steigen. Für sie ist jetzt vor allem wichtig, wie die ersten Spiele laufen. Sie haben eine verhältnismäßig einfache Gruppe. Für die Stimmung ist zu hoffen, dass der Gastgeber möglichst weit kommt. Ob das gelingt, werden wir noch sehen.
Österreich hat in internationalen Turnieren lange keine Erfolge mehr feiern können. Wird sich das heuer trotz der Todesgruppe ändern?
Ich muss immer wieder lachen, wenn ich die österreichischen Kommentatoren höre. Erst kürzlich haben sie gemeint, dass Österreich das beste Mittelfeld Europas hat, was natürlich nicht stimmt. Dennoch haben die Österreicher eine interessante Mannschaft und mit Ralf Rangnick vor allem einen Top-Trainer. Ein Handicap ist natürlich die Todesgruppe mit Frankreich, Holland und Polen, das immer noch einen bestimmten Robert Lewandowski in seine Reihen hat. Wenn sie die Gruppe überstehen, ist ihnen sicherlich einiges zuzutrauen. Genau wie bei Italien fehlen aber einige wichtige Spieler. Wenn David Alaba bei der EM fehlt, dann muss Österreich auf den international bekanntesten Spieler verzichten. Bei Italien haben sich in letzter Zeit hingegen einige wichtige Verteidiger verletzt.
Bei den Stars der EM gibt es eine interessante Konstellation. Auf der einen Seite stehen regelrechte Veteranen wie Cristiano Ronaldo, Toni Kroos und Luka Modric, auf der anderen Seite zählen Florian Wirtz, Jude Bellingham oder Phil Foden zu den besten Spielern. Wird diese EM ein Turnier der Alten oder ein Turnier der Jungen?
Das ist schwer vorauszusagen. Ich hoffe, dass es eine EM der Jungen wird. Ich persönlich bin der Meinung, dass Portugal ohne Cristiano Ronaldo beispielsweise stärker wäre. Bei ihm kann es aber auch sein, dass er im ersten Spiel drei Tore erzielt. Toni Kroos ist mit 34 Jahren hingegen nicht ganz so alt, er wurde auch nicht ohne Grund zurückgeholt. Die Kroaten haben mit Spanien und Italien eine schwierige gruppe. Es kann sein, dass ganz andere Spieler wie der Belgier Jeremy Doku explodieren. Er ist meiner Meinung nach ein Bomben-Stürmer.
Fußballerisch waren die letzten Turniere eher schwach. Welche Art Fußball werden wir bei der EM sehen?
Darauf bin ich selbst neugierig. Wir werden von Österreich gemäß der Red-Bull-Schule sicher ein offensives Pressing sehen. Wir werden bei die Engländer ähnliches mit höherer individueller Klasse sehen. Die Italiener werden sich taktisch an den Gegner anpassen, unter Luciano Spalletti wird aber primär konstruktiver Fußball angeboten. Die Spanier spielen auch nicht mehr den Ballbesitzfußball, den sie vor zehn Jahren perfektioniert haben. Innnovationen wird es bei der EM nicht so viele geben. Ich glaube allgemein setzt sich der Trend fort, auch wenn ich anderes hoffe. Auch die WM 2022 in Katar war nicht attraktiv. Bis zum Viertelfinale war die WM langweilig, das Finale hat das zwar wieder ausgeglichen, davor war es aber eher schwach.
Wie nehmen sie ganz allgemein den Fan-Blick auf den Fußball wahr?
In Südtirol herrscht zumindest ein gewaltiges Interesse. Wir haben bei den Amateurspielen so viele Zuschauer wie noch nie. Es gab heuer mehrere Spiele mit über 1.000 Zuschauern. Das hat nicht nur mit der Lust auf Fußball zu tun, sondern auch mit der Qualität auf dem Platz. Die Vereine sind tüchtig und bieten den Zuschauern etwas. In Naturns beim Entscheidungsspiel der 2. Amateurliga gab es über 1.200 Zuschauer. Das ist ein völliges Novum. Selbiges gilt für den internationalen Fußball. Der Run auf die Karten ist riesig, selbst unattraktive Partien sind vielfach ausverkauft.
Wie schon 2021 nehmen 24 Mannschaften an der EM teil. Würdest du dir eine geringere Teilnehmerzahl wünschen?
Auf der einen Seite sind einige Nationen dabei, die noch nie oder fast nie bei einer Europameisterschaft dabei waren. Dort ist das Interesse sicher groß. Auf der anderen Seite ist. Mit 24 Mannschaften das Maximum erreicht. Mehr sollten es nicht mehr werden.
Wer wird die Überraschungsmannschaft dieser EM?
Bei einer Europameisterschaft war es immer so, dass einer der Halbfinalisten eine Überraschungsmannschaft ist. Wenn die Österreicher die Gruppe überstehen, ist ihnen einiges zuzutrauen. Bei anderen Mannschaften wie Holland oder Portugal hört man zwar wenig, das sind aber große Fußballnationen mit interessanten Spielern. Ich glaube, wer zwischen Österreich und Holland weiterkommt, kann viel erreichen, wobei ich glaube, dass Holland weiterkommt. Ich kann mir hingegen nicht vorstellen, dass ganz unbekannte Mannschaften wie Albanien, Slowenien oder Slowakei weit kommen.
Wer wird Torschützenkönig?
Favorit ist hier sicher Kylian Mbappé, aber auch Harry Kane könnte es schaffen. Einer alleine wird es aber nicht schaffen, am m Ende wird der Torschützenkönig, der von seiner Mannschaft am meisten unterstützt wird.
Wer wird die Entdeckung der EM?
Ich glaube, es wird jemand, denn ich auch noch nicht kenne. Ich hoffe es zumindest.
Wem werden Sie die Daumen drücken?
Ich bin der Vertreter des italienischen Fußballverbandes in Südtirol, damit ergibt sich diese Frage glaube ich von selbst.
Interview: Markus Rufin
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