Der Glaubenskrieg
Die rechten Landesräte wollten eine verbissene Gegnerin von Abtreibung und Homoehe in den Gleichstellungsbeirat berufen, bissen sich aber an Arno Kompatscher die Zähne aus. Hat der LH die Frauen gestärkt – oder die Demokratie geschwächt?
Von Matthias Kofler
Arno Kompatscher setzt auf die Strategie der Deeskalation: „Ich halte es nicht für nötig, den Beschluss der Landesregierung weiter zu kommentieren“, sagt der Landeshauptmann gegenüber der TAGESZEITUNG. Aus der SVP verlautet, dass der Vorfall eindrücklich gezeigt habe, wie wichtig es sei, dass Kompatscher weiterhin an der Spitze des Landes stehe, weil er seinen Überzeugungen und Werten treu bleibe und sich nicht dem enormen Widerstand der neuen rechten Koalitionspartner beugen werde.
Wie berichtet, hat die Landesregierung am Dienstag die 15 Mitglieder des Landesbeirats für Chancengleichheit ernannt. Nach Darstellung von Landeshauptmann-Stellvertreter Marco Galateo kam es dabei zu einem „Tauziehen“ zwischen Kompatscher und den Vertretern des italienischen Mitte-Rechts-Lagers. So lehnten Fratelli d’Italia und Lega Kompatschers Vorschlag ab, neben den beiden Oppositionsvertretern Sabine Giunta (Grüne) und Nadia Mazzardis (PD) zwei weitere Italienerinnen aus dem linken ideologischen Lager in den beratenden Ausschuss zu berufen: Stefania Cimino von „Soroptimist Bozen“ und Roberta Nicolodi von „Donne Nissà“. „Wir hatten qualifizierte Kandidaten aus den wichtigsten katholischen Organisationen vorgeschlagen, um eine ausgewogene und angemessene Vertretung im Beirat zu gewährleisten. Diese Vorschläge blieben jedoch auf der Strecke“, so Galateo, der seine tiefe Enttäuschung über das Ergebnis der Abstimmung zum Ausdruck brachte.
Der FdI-Mann will seine Kandidatinnen nicht öffentlich preisgeben. Mittlerweile ist aber durchgesickert, dass eine der Frauen, die Galateo ins Rennen schicken wollte, Serena Cavada, Referentin der Vereine „Family Day“ und „Pro Vita & Famiglia“, ist. Cavada gilt als eine überzeugte Verfechterin des Bildes der traditionellen Familie, die aus Mann, Frau und Kind besteht, und hat sich seit Jahrzehnten mit Anti-Abtreibungskampagnen im ganzen Land einen Namen gemacht. Im Jahr 2020 distanzierte sich die Boznerin von den Äußerungen von Papst Franziskus zur rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften und erklärte in einem Interview:
„Die einzige Familie, die von der Verfassung geschützt wird, ist die aus einem Mann und einer Frau. Für uns Christen ist die Familie so, wie sie von Gott geschaffen wurde. Wenn die Kirche homosexuelle Partnerschaften anerkennen würde, müsste sie auch die Leihmutterschaft anerkennen, da diese vorwiegend in homosexuellen Familien stattfindet. Trotz der Schlagzeilen scheint mir das nicht im Sinne von Franziskus zu sein.“
Galateos gescheiterter Versuch, eine „Reaktionäre“ in den Beirat für Chancengleichheit zu berufen, sorgt nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Politik für Aufregung. „Da kann man lange die Grundwerte beschwören und Wertekanone unterzeichnen: Wenn es dann ins Konkrete geht, dann sehen wir das Erzkonservative wieder hervorquellen“, empört sich Grünen-Frontfrau Brigitte Foppa.
Scharfe Kritik am FdI-Manöver kommt auch von SVP-Senatorin Julia Unterberger: „Die militante und reaktionäre Bewegung für das Leben hat Ziele, die denen des Landesbeirates für Chancengleichheit zuwiderlaufen. Anstatt die Rechte und Chancen von Frauen auszubauen, sollen die bestehenden ausgehöhlt werden“, warnt die Frauenrechtlerin. Insofern wäre eine Vertreterin dieser Organisation im Beirat ein Widerspruch in sich gewesen. Laut Julia Unterberger war es nur eine Frage der Zeit, bis die extreme Rechte in der Landesregierung ihre Duftnoten zu platzieren versucht. „Der LH und mit ihm die SVP-Vertreter haben diesen Versuch bisher erfolgreich abgewehrt. So wie sie es von Anfang an versprochen hatten“, so Julia Unterberger. Das Argument, es sei undemokratisch, Anhänger/innen einer anderen Weltanschauung nicht im Beirat zu Wort kommen zu lassen, kann die Senatorin nicht gelten lassen: „Das hat nichts mit Demokratie zu tun und bereits eine Vertretung der Bewegung für das Leben wäre problematisch. Der Beirat hat eine klare Aufgabe. Und wenn jemand diese nicht teilt, hat er/sie dort nichts verloren. Ansonsten kann man dieses Gremium gleich abschaffen.“
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