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„Das macht mich wütend“

Johanna Mitterhofer ist glücklich verpartnert (heiraten darf sie in Italien nicht) mit einer Frau, Mama eines Kindergartenkinds und Sprecherin des Vereins Regenbogenfamilien, die von den Regierungsparteien heftig angegriffen werden. Wie leben sie in einem Land, wo ihnen von institutioneller Seite ständig gesagt wird, dass es ihre Familie nicht geben dürfte.

Tageszeitung: Frau Mitterhofer, traditionell ist die Weihnachtskrippe mit Vater, Mutter und Kind bestückt. Wie schaut die Krippe einer Regenbogenfamilie aus?

Johanna Mitterhofer: Ich habe in unserer Regenbogen-Whatsapp-Gruppe eine Umfrage gestartet.  Die, die eine Krippe aufstellen, haben eine ganz traditionelle Krippe. Aber ein Regenbogeneinhorn statt des Esels wäre doch schön, oder?

Mit dieser Dreieinigkeit hat die Weihnachtsgeschichte den Inbegriff von Familie geprägt, um nicht zu sagen, zementiert. 2000 Jahre Kulturgeschichte sind nicht von heute auf morgen aus den Köpfen zu bekommen. Bekommen Sie das im Alltag zu spüren, wie tief sind die Vorurteile verankert? 

Im Alltag eigentlich recht wenig. Natürlich gibt’s Vorurteile, viel mehr gibt es aber auch einfach nur Unwissen. Deshalb ist es für uns vom Verein Regenbogenfamilien auch so wichtig, Sensibilisierungs- und Informationsarbeit zu leisten. Viele Personen kennen schlicht und einfach keine Regenbogenfamilie, viele kennen die rechtlichen Herausforderungen, die wir hier in Italien haben, nicht. Wir versuchen, Fragen offen zu beantworten, weil wir merken, dass viele Vorurteile dadurch recht schnell abgebaut werden.

Wie oft müssen Sie sich anhören: Eine Familie sollte aus Vater, Mutter und Kind bestehen. So sei das immer gewesen, und so gehöre sich das auch in Zukunft. Basta.

Persönlich wurde mir das zum Glück noch nie so ins Gesicht gesagt, anderen Regenbogenfamilien hingegen leider schon. Aber wir hören es ja tagtäglich aus den Mündern von homophoben Postfaschisten wie Meloni, Salvini oder, um im Lande zu bleiben, Galateo (#verklagmichbitte). War ich vor einigen Jahren noch optimistisch und hätte gesagt, dass diese Art von Kommentaren beim Aussterben ist bzw. nur von den älteren Generationen geäußert werden, so werden gewisse Diskurse leider gerade wieder salonfähig gemacht – sei es auf staatlicher Ebene als auch in Südtirol.

Ist das jedes Mal eine Art Coming-out, wenn Sie über Ihre Familie sprechen?

Klar. Als homosexuelles Paar mit Kind kann man sich und seine Familiensituation nicht verstecken – angefangen beim Besuch bei der Gynäkologin, beim Kinderwagenkaufen bis hin zum Ratscher mit den anderen Eltern in der Kindergartengarderobe. Der offene Umgang mit der eigenen Identität ist aber auch für’s Kind wichtig: Es soll ja auch selbstbewusst und offen zu seiner Familie stehen!

Muss sich Ihr Kind von anderen Kindern manchmal Kommentare anhören wie: „Das geht doch gar nicht, man kann nur eine Mutter haben“? Wenn ja, wie geht Ihr Kind damit um?

Unser Kind weiß, wie es entstanden ist und erklärt anderen Kindern ganz selbstverständlich, dass es Familien aller Art gibt und dass zwei Frauen sehr wohl Kinder bekommen können – und wie das so funktioniert. Andere Kinder finden das dann meistens cool und spannend.

Eine Regenbogenfamilie wie die Ihre, die aus „Mama, Mama, Kind“ besteht, ist in traditioneller Perspektive gegen die Natur, gegen die Religion und, wenn es nach der Regierung Meloni geht, auch gegen das Gesetz. Erfahren Sie Diskriminierung vor allem von institutioneller, von staatlicher Seite? 

Ja, und diese Art der institutionellen Diskriminierung ist eigentlich das größte Problem für uns Regenbogenfamilien. Denn mit den Vorurteilen des Nachbarn, dummen Kommentaren in der Bar kann man umgehen, sich wehren, das Gespräch suchen. Aber wenn der Staat, der all seine Bürger und Bürgerinnen eigentlich schützen sollte, dir sagt, dass es dich und deine Familie eigentlich nicht geben dürfte, was kannst du dann schon tun? Ich kenne Familien, wo das Kind das ganze erste Lebensjahr für den Staat nicht existierte und damit kein Recht auf Kinderarzt oder Kitaplatz hatte, wo das biologische Elternteil erkrankte oder gar verstarb und das Kind so plötzlich zum Waisen wurde – obwohl es doch eigentlich noch ein Elternteil hatte. Politiker wie Meloni argumentieren oft, sie agierten im Sinne des Kindeswohl und zum Schutze des Kindes. Doch Beispiele wie diese zeigen, dass die Regierung Meloni das Wohl unserer Kinder nicht interessiert.

„Kinder haben das Recht auf eine Mutter und einen Vater“, sagt Vizepremier und Lega-Chef Matteo Salvini bei jeder Gelegenheit und er kann damit auf breite Zustimmung in der Bevölkerung rechnen. Was antworten Sie ihm? 

Ein Kind hat das Recht, geliebt, umsorgt, geschützt zu werden – so steht das auch in der UN-Kinderrechtskonvention. Ob das jetzt Mama und Papa, oder zwei Mamas, zwei Papas, Pflegeeltern, ein alleinerziehendes Elternteil oder die Großeltern sind, ist zweitranging. Wichtig ist, dass die Kinder Liebe und Fürsorge erfahren. Und dass den Menschen, die sie großziehen, die Möglichkeit gegeben wird, all ihre Rechte und Pflichte ausüben zu können – auch wenn sie homosexuell sind.

Verschiedene Südtiroler Bürgermeister haben in den letzten Jahren beide Elternteile als gleichberechtigte Eltern eingetragen. Könnten und würden sie sich das heute noch trauen?

Diese Bürgermeister und Bürgermeisterinnen haben Mut und Einsatz gezeigt, also würde ich hoffen, dass das auch heute noch so sein würde. Können würden sie’s schon. Erst diese Woche hat die Bürgermeisterin einer Gemeinde nahe Bologna zwei gleichgeschlechtliche Eltern eingetragen: Eine Handlung mit großer Symbolkraft in Zeiten, wo wir Regenbogenfamilien dauernd angegriffen werden.

In Padua soll die Eintragung der gleichgeschlechtlichen Eltern von 33 Kindern rückgängig gemacht werden. Nur mehr der leibliche Elternteil soll anerkannt werden, wodurch die Kinder de facto ein Elternteil verlieren würden. Machen Sie sich Sorgen?

Klar mache ich mir Sorgen. Uns war aber immer schon bewusst, dass so etwas jederzeit passieren kann, unabhängig vom Alter des Kindes. Mehr als besorgt bin ich aber wütend, dass so etwas im Jahr 2023 passieren kann.

Was würde in Ihrer Familie passieren, wenn das Gericht die Position der Regierung übernimmt? 

Mein Kind würde von einem Tag auf den anderen seinen zweiten Nachnamen, mit dem es sich sehr identifiziert, verlieren. Es würde die italienische Staatsbürgerschaft verlieren. Ich wäre von einem Tag auf den anderen aus rechtlicher Sicht eine Fremde für mein Kind. Und nicht nur ich, auch seine Großeltern und Verwandten. Ich könnte keine Schulanmeldungen mehr machen, keine ärztlichen Termine wahrnehmen. Sollte mir etwas zustoßen, würde ich ihm nichts vererben können. Um all diese Rechte – und Pflichten – wahrnehmen zu können, müsste ich mein eigenes Kind adoptieren. Eine absurde Situation.

Haben Sie einen Überblick, wie viele Familien in Südtirol davon betroffen wären?

Ich kenne etwa 15 andere Regenbogenfamilien hier in Südtirol, es gibt aber gewiss noch mehr. Der Großteil wäre davon betroffen.

Ein überaus heftig diskutiertes Thema ist die in Italien seit 2004 verbotene Leihmutterschaft. Paare, die das Verbot umgehen, indem sie im Ausland Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, sollen strafrechtlich verfolgt werden. Damit wären auf einen Schlag eine ganze Schar von Familien zur Verbrechern gestempelt. Geht jetzt die nackte Angst um?

Natürlich sind die Papas, die ich kenne, besorgt. Besonders die werdenden Papas und männliche Paare, die mit der Familienplanung erst begonnen haben. Einige erwägen, in ein anderes Land zu ziehen, wo ihre Familie anerkannt und akzeptiert wird. Andere können oder wollen das nicht. Abhalten lassen sie sich von solch einem Verbot aber nicht. Das Gesetz würde also sowieso nie funktionieren.

Es drohen Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren und Geldstrafen bis zu einer Million Euro. Davon wären vor allem heterosexuelle Paare betroffen, aber täuscht der Eindruck, dass in Wahrheit ein Kreuzzug gegen die gleichgeschlechtlichen Paare dahintersteckt?

Der Eindruck täuscht nicht. Denn ein heterosexuelles Paar, das am Flughafen mit einem Neugeborenen ankommt, wird kaum aufgehalten und von der Polizei verhört und angezeigt werden. Ein homosexuelles Paar kann sich da nicht „verstecken“. Und wenn wir uns die Bilder ansehen, die Meloni & Co. verwenden, wenn es um Leihmutterschaft geht, dann sind dies immer Bilder von zwei Vätern, niemals das eines heterosexuellen Paars – auch wenn diese den Großteil der Familien ausmachen, die aufgrund medizinischer oder anderer Gründe die Leihmutterschaft beanspruchen. Und gerade dieses Wochenende ist Elon Musk – Vater eines durch Leihmutterschaft geborenen Kindes – Ehrengast beim großen Fest der Fratelli d’Italia. Mit ihm scheint Meloni kein Problem zu haben.

Auch wenn man wie die Rechtsparteien nicht von „Reproduktionstourismus“ oder Kinderhandel spricht, kann das Thema Leihmutterschaft kann nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Der Vorwurf der Ausbeutung von Frauen in ärmeren Ländern ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Welche Position vertreten Sie persönlich und als Sprecherin des Vereins Regenbogenfamilien in dieser Sache? 

Natürlich ist das Thema Leihmutterschaft sehr komplex. Ich bin ganz klar gegen die Ausbeutung von Frauen, gleichzeitig aber auch klar für das Recht jeder Frau, selbst über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Der Verein Regenbogenfamilien setzt sich seit Jahren schon ein für ein Gesetz zur ethischen und solidarischen Leihmutterschaft ein, welches Leihmutterschaft regelt, Ausbeutung verhindert, und alle beteiligten Personen schützt und respektiert. Ich kenne mittlerweile Dutzende von Regenbogenpapas: So gut wie alle von ihnen haben eine wunderschöne, innige Beziehung mit den Leihmüttern und deren eigenen Familien. Sie telefonieren regelmäßig, haben Fotos voneinander in ihren Wohnungen hängen, besuchen sich gegenseitig. Dieser Aspekt fehlt in den Debatten komplett.

Mit welchen Fragen und Problemen ist der Verein Regenbogenfamilien hauptsächlich konfrontiert?

Einerseits geht’s um Fragen praktischer und rechtlicher Natur: Wo können wir als lesbisches Paar eine künstliche Befruchtung vornehmen (in Italien ist dies nicht möglich)? Wie können wir uns als Eltern und unser Kind rechtlich absichern?  Außerdem machen wir viel Sensibilisierungsarbeit, reden mit Schulen, Jugendlichen, Politikern und Politikerinnen und kämpfen auf nationaler und lokaler Ebene für die Rechte von Regenbogenfamilien. Andererseits geht’s aber auch um den gegenseitigen Austausch, aus dem schon viele enge Freundschaften entstanden sind. Und da geht’s dann auch um ganz alltägliche Sachen, die alle Familien betreffen: Wie vereinbare ich Familie und Beruf? Was passiert mit uns als Paar, wenn wir ein Kind bekommen? Es kreist ja nicht immer alles um’s „Regenbogen-Sein“.  Und dann wollen wir auch unseren Kindern zeigen, dass sie nicht die einzigen sind, die zwei Mamas oder zwei Papas haben. In ihren Kindergärten und Schulen sind sie ja meistens (noch) die einzigen. Wir sehen, wie wichtig und schön es für die Kinder ist, Familien kennenzulernen, die so sind wie die ihre.

Vater, Mutter, Kind – das war einmal die Familie. Heute heißt es: Familie ist da, wo Kinder sind. Wie definieren Sie Familie?

Familie, das sind Menschen, die sich umeinander kümmern und sich (hoffentlich) gern haben.

Interview: Heinrich Schwazer

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