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„Das sind keine Einzeltäter“

Giulia Cecchetin und Filippo Turetta (Foto: FB/Zaia)

Der Mord an Giulia Cecchettin ist bereits der 83. Frauenmord in diesem Jahr in Italien. Die Feministin und Wissenschaftlerin Barbara Plagg spricht von einem „strukturellen Phänomen“ und kritisiert, dass zu wenig getan wird, um Femizide zu verhindern. 

Tageszeitung: Frau Plagg, lange hat man in Italien gehofft, dass die vermisste Giulia Cecchettin lebend gefunden werden kann. Seit Samstag herrscht traurige Gewissheit, Giulia wurde ermordet. Der mutmaßliche Täter, ihr 22-jähriger Ex-Freund Filippo Turetta wurde in Deutschland gestoppt und verhaftet. Was hat dieser erneute Frauenmord in Ihnen ausgelöst? 

Barbara Plagg: Wir haben alle gewusst, was passieren wird und wir haben es deswegen gewusst, weil es jedes Mal so passiert. Es ist im Prinzip jedes Mal dieselbe Dramaturgie, deswegen war die Hoffnung, dass sie überleben wird, gering. Gerade weil es so oft und immer wieder passiert, sollte inzwischen allen klar sein, dass es sich nicht um „verrückte“ Einzeltäter handelt, die Frauen töten: Das ist ein strukturelles Phänomen, dennoch wird oft das Bild eines „perversen“, „kranken“ und „abnormalen“ Einzeltäters geprägt. Tatsächlich gelten die Mehrzahl der Täter (bis zur Tat) nach gesellschaftlichen Standards als mehr oder weniger unauffällige, „normale“ Männer.

Warum töten diese Männer dann?

Femizide sind in der Regel gezielte Tötungen aufgrund von Macht- und Kontrollverlust. Die Tötung einer Frau, die sich z.B. von dem Mann zu trennen versuchte, ist keine Tat aus „Liebe“, sondern stellt den absolut extremsten Versuch dar, Kontrolle über die Frau und die Beziehung herzustellen. Den Tötungen geht zumeist ein längerer Vernichtungswunsch voraus, weil es zu einer Kränkung der Männlichkeit gekommen ist – und keine andere reife und gesunde „Problemlösestrategie“ zur Verfügung steht. Diesen Männern ist das Leben der Frau und das Leben der Familien, die sie zerstören angesichts ihrer Kränkung und dem starken Vernichtungswunsche egal…

Barbara Plagg (Foto: Oschmann)

Er sieht nur sich und sein Problem…

Er sieht überhaupt nichts mehr, außer seine Kränkung. Und diese Kränkung wird maßgeblich getriggert bzw. anerzogen durch das kulturelle System, in dem wir uns alle bewegen. Ich weiß, das will niemand hören, aber die maximal unbequeme Antwort auf die Frage „Warum passiert das schon wieder?“ liegt im patriarchalen System. Und es fängt bei Witzen an, bei der Tatsache, dass Frauenkörper objektiviert und abgewertet werden, dass Frauen weniger verdienen, weniger Anerkennung bekommen, dass die Gesetzeslage selbst zum Teil geschlechtsspezifische Gewalt bagatellisiert, dass Frauen eine Mitschuld gegeben wird, weil sie sich trennen wollten, aufreizend gekleidet haben usw. Jede einzelne dieser vermeintlich „kleineren“ Diskriminierungen ist an sich nicht tödlich, aber in der Zusammenschau ergeben sie einen kulturellen Nährboden, der Femizide zieht, weil er das Possesivverhalten der Männer stützt und Frauen entmächtigt.

Schockierend ist, dass Opfer und auch der mutmaßliche Täter so jung sind…

Das ist wirklich extrem jung und furchtbar schlimm, aber man muss auch sagen, dass es in allen Altersklassen Femizide gibt. Nach zwanzig Jahren Ehe oder mit gerade mal zwanzig Jahren: Es ist beides an der Tagesordnung. Gerade junge Leute können oft nur schwer mit Krisen und großen emotionalen Belastungen umgehen, vor allem wenn ihnen vorgelebte Problemlösestrategien fehlen.

Es ist unerträglich und macht mich fassungslos, ohnmächtig und wütend, dass Giulia sterben musste – und mindestens ebenso fassungslos macht mich das Wissen, dass sie nicht die letzte sein wird.

In Italien wurden heuer bereits mehr als 80 Frauen ermordet, weil sie Frauen sind. Im vergangenen Jahr waren es 120 getötete Frauen. Warum schafft man es nicht, diese Zahl zu reduzieren? Man versucht doch auf so vielen Ebenen anzusetzen, zu sensibilisieren…

Ich finde nicht, dass so viel versucht wird. Sehr viel wird auf die Frauen selbst abgewälzt, aber das wird das Grundproblem nicht lösen: Ihr müsst euch wehren, euch Hilfe holen, euch frühzeitig trennen, erste Gewaltsymptome sofort erkennen. Das ist natürlich richtig, gibt Frauen aber immer auch eine gewisse Mitschuld, dass sie nicht früher einen Schlussstrich gezogen haben, dass sie zu diesem letzten Treffen gegangen sind. Und der Nachgeschmack ist bitter, weil es suggeriert, dass die Frauen halt alle zu „uninformiert“ waren, sich Hilfe zu holen. Die meisten haben Hilfe geholt, haben alles getan, was in ihren Möglichkeiten stand, haben sich gewehrt, mit Händen, mit Füßen, mit Köpfchen – und konnten doch nicht gerettet werden. Weil es nicht an ihnen liegt, weil nicht sie es sind, die keine Problemlösestrategien und Informationen zur Verfügung haben – sondern er.

Wie meinen Sie das? 

Wir können nicht nur auf Sekundärprävention setzen, wenn sich eine Frau bereits in einer Gewaltsituation befindet und es ihr überantworten, dass sie sich da jetzt selbst rausholt. Es ist ein gravierender Fehler, erst dann anzusetzen, denn das ist zu spät. Außerdem kämpfe ich da gegen Symptome, aber nicht gegen die Krankheit. Wie gesagt, ich weiß, es will niemand hören, aber wir müssen das gesamte System verändern und die geschlechtsspezifische Diskriminierung in allen Bereichen bekämpfen. Nur dann werden oben, auf der Spitze des Eisbergs der Diskriminierungen auch die Frauenmorde abnehmen.

Werden diese Themen aber immer noch zu sehr als „Frauenthema“ betrachtet? 

Ja. Einerseits ist es anscheinend unsere „Frauensache“, dass wir selbst Gewalt erkennen, ihr frühzeitig ausstellen und damit zurechtkommen, andererseits ist steht anscheinend alles, was uns sonst so geschieht, in keinem Zusammenhang mit der Gewalt und wir sollen uns nicht so aufregen, nur weil uns in der Disko einer auf den Hintern greift. Das sind zwei große Fehlschlüsse. Weil es sind die Symptome ein- und derselben Krankheit und die kriegen wir nur in Griff, wenn wir alle — also Frauen und Männer — daran arbeiten. Und solange wir das nicht tun, solange alles, was uns einfällt in Antwort auf einen Femizid darin besteht, dass die Frauen sich halt selber besser schützen sollen, so lange wird es Femizide geben.

Interview: Lisi Lang

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