„Wenn einer ein Arschloch ist …“
Ein Hinweis über den Messenger-Dienst Signal, ein konspiratives Treffen an einer Tankstelle. Und zwei vernichtende Gutachten: So hat der Südtiroler Masken-Skandal begonnen.
Es ist ein Samstagmorgen, an dem die Geschichte beginnt.
Der 4. April 2020.
Über den sicheren Messenger-Dienst Signal meldet sich beim „Salto“-Aufdecker Christoph Franceschini ein langjähriger Informant. Er übermittelt ihm zwei hochbrisante Dokumente: Den Prüfbericht der Dekra Testing and Certification GmbH aus Essen, der mit 27. März 2020 datiert ist. Und einen weiteren Prüfbericht des Amtes für Rüstung und Wehrtechnik in Wien (ARTW).
In diesen beiden Prüfberichten geht es um die von der OberAlp AG aus China importieren Masken.
Das Ergebnis der beiden Prüfberichte ist vernichtend.
So heißt es im ARTW-Test Report:
Anhand der vorliegenden Prüfergebnisse kann durch die Prüfstelle nicht empfohlen werden, diese Masken als FFP3-Masken bzw. als Atemschutzmasken (FFP1-3) in Verkehr zu bringen oder zu verwenden.
Noch am selben Tag konfrontiert Christoph Franceschini den stellvertretenden Leiter der Covid-19-Taskforce Patrick Franzoni mit den Gutachten. Franzoni sagt dem Journalisten bei einem persönlichen Treffen am darauffolgenden Tag, einem Sonntag, an einer Tankstelle in Bozen: „Ich kenne diesen Prüfbericht, das hat nichts zu sagen.“
Was Patrick Franzoni und die anderen Hauptakteure im späteren Masken-Skandal zu dem Zeitpunkt nicht wissen: Ihre Telefone werden überwacht.
Die Ermittler bekommen so in Echtzeit die Aufregung mit, die an diesem Sonntag ausbricht.
Patrick Franzoni informiert noch vor dem Treffen mit dem Journalisten seine Vorgesetzten Florian Zerzer und Landesrat Thomas Widmann.
Am Samstagabend, 4. April 2020, meldet sich Florian Zerzer um 22.11 Uhr bei Thomas Widmann.
Bereits in diesem ersten Gespräch zwischen Zerzer und Widmann wird lang und breit eine Frage erörtert, die in den abgehörten Telefongesprächen in den darauffolgenden Tagen und Wochen immer wieder zentral ist: Woher hat der Journalist die Gutachten zu den Masken? Und wer ist der Informant, der ihm diese Gutachten zugespielt hat?
Brisant: Der zuständige Landesrat und die Führung des Südtiroler Sanitätsbetriebes sind nicht etwa über eine mögliche gesundheitliche Gefahr besorgt, der ihre MitarbeiterInnen durch nicht richtig dichtende Atemschutzmasken ausgesetzt sind. Nein, sie wollen den Maulwurf finden, der sie in diese prekäre Situation gebracht hat.
Und wie aus dem Lehrbuch schießt man zuerst gegen den Überbringer der schlechten Nachricht, also gegen Christoph Franceschini.
Thomas Widmann: Ja, da kann man nichts machen. Es ist wie es ist. Ich sage immer so: Wenn wir rechtlich in Ordnung sind, nach gutem Gewissen gehandelt haben, dann können sie uns alle am Arsch lecken. Verstehst du? Und somit ist es das. Der Franceschini will das schreiben, und er ist ein großes Arschloch. Aber das wissen wir ja, okay? Und wenn einer ein Arschloch ist, dann wird er ein Leben lang ein Arschloch bleiben. Deshalb ist im Prinzip, den zu treffen oder nicht zu treffen, völlig egal. Aber jetzt wissen wir wenigstens, dass es kommt. ..[…]..
Florian Zerzer: Immerhin trifft er hier schon wirklich viele Leute. Da trifft er die Italiener, die das auch verteilt haben und die Österreicher, die das auch verteilt haben. Er macht umsonst ein Tohuwabohu …
Widmann: Das ist ihm egal, denn du musst dir vorstellen, das ist so ein Arschloch! Der hat genug Geld, dass er nichts zum Leben braucht. Dann ist er so ein Arschloch, dass er der geilste Journalist sein will. Das ist ein totaler Egomane, wie die Schlimmsten, die du kennst. Und wenn er so einen Coup landet, dann ist er der Super-King. Punkt. So denkt er.
Zerzer: Das habe ich auch nicht gewusst …
Widmann: Aber ich sage immer, das sind Dinge, da werden wir einen Puff [dialektaler Ausdruck für Chaos oder Unordnung – Anm. d. A.] bekommen und alles, aber was will man tun …
Zerzer: Das werden wir ohne weiteres ausstehen, da gebe ich dir schon recht…
Widmann: Wichtig ist nur, dass wir uns vorbereiten. Dass wir uns zumindest treffen und überlegen, wie man kommuniziert. Einmal. Danach, dass nicht immer der Gleiche redet, sondern wir auf verschiedenen Ebenen kommunizieren. Verstehst? Das heißt, ich würde anfangen mit einem Techniker und dann eine Stufe höher und dann noch eine Stufe höher, zuerst du und dann ich. Oder Engl.
Zerzer: Auf das müssen wir uns vorbereiten, da gebe ich dir recht.
Widmann: Und auch relativ schnell.
Zerzer: Ja, ich warte jetzt, was da morgen herauskommt. Noch verständige ich Engl nicht. Einverstanden?
Widmann: Ja, das machst du danach. Lass ihn jetzt schlafen. Er hat den größten Scheiß gebaut. Verstehst du?
Zerzer: Deshalb geht mir das Ganze auch so auf die Nerven …
Patrick Franzoni informiert an diesem Sonntag sofort nach seiner Ankunft im Bozner Krankenhaus seinen direkten Vorgesetzten, den Leiter der Covid- 19-Taskforce, Marc Kaufmann, über das Treffen an der Tankstelle und die Gefahr, dass das Gutachten publik werden könnte.
Um 16.25 Uhr meldet sich Franzoni telefonisch bei Florian Zerzer, um den Generaldirektor vom Treffen mit dem Journalisten Franceschini zu berichten. Unmittelbar nach dem Telefongespräch sendet Franzoni das Dekra-Gutachten über WhatsApp an Zerzer. Um 18.47 Uhr meldet sich Marc Kaufmann per WhatsApp bei Florian Zerzer.
Florian Zerzer versucht an diesem Nachmittag mehrmals vergeblich, Thomas Widmann telefonisch zu erreichen. Um 19.19 Uhr ruft der Landesrat den Generaldirektor des Sanitätsbetriebes zurück:
Thomas Widmann: Du horch, heute hat der Franzoni mit dem geredet und dann hat er gesagt, er soll mich auch anrufen. In der Hoffnung, dass wenn ich ihm sage, er soll keinen Artikel schreiben, dass er ihn dann nicht schreibt. Und da hat mich davor der Franceschini probiert … aber ich hebe ihm nicht ab. Was soll ich sagen?
Florian Zerzer: Dass er dich sucht, das verstehe ich. Ich weiß nicht, wie gut du den Christoph kennst, aber ich gehe mal davon aus, dass du genauso keine Chance hast, wie wenn ich ihn anrufen würde, weil …
Widmann: Nein null, der will ja nur eiern.
Zerzer: Ja, ja.
Widmann: Sein Ziel ist es, zu eiern.
Zerzer: Ich muss jetzt nur den Engl anrufen, damit der Engl Bescheid weiß.
Widmann: Ich habe noch nicht verstanden, ob er uns eine runterhauen will [Original: „eine wixen will“ – Anm. d. A.] oder dem Engl.
Zerzer: Bitte, jetzt habe ich nicht verstanden?
Widmann: Ich weiß nicht, ob er uns eine wixen will oder dem Engl. Zerzer: Ich glaube beiden, wenn es geht. Mein Eindruck. Widmann: (lacht)
Zerzer: Wen er dabei erwischt, ist ihm wahrscheinlich egal. Wichtig ist ihm, dass er irgend etwas aufdeckt. Vermeintlich etwas aufdeckt. Weil de facto deckt er gar nichts auf, der Stopsel.
Widmann: Ja genau. Wie gehen wir mit dem um?
Zerzer: Ja. Wie du schon gesagt hast. Ich würde zuerst einmal die Techniker reden lassen, jene, die die technische Beschreibung gemacht haben, aus der Gruppe Kaufmann. Ich würde danach den Kaufmann anrufen. Aber wir müssen natürlich auch einen Hygieniker reden lassen. Das heißt, dass ich mit dem Bertoli [Pierpaolo Bertoli, Sanitätsdirektor im Südtiroler Sanitätsbetrieb – Anm. d. A.] reden werde. Dass wir zuerst einmal auf technischer Ebene antworten. Und Bertoli/Siller [Marianne Siller, Pflegedirektorin im Südtiroler Sanitätsbetrieb – Anm. d. A.] haben ja ein Rundschreiben gemacht, aufgrund von dem Gutachten, wo sie sagen, die Masken sind zwar gut, aber das Problem ist das Fitting. Das ist dann auch das, was wir als Grundsatz sagen müssen: Bei dem Test ist ja herausgekommen, dass die 5, die gut auf dem Gesicht gesessen sind…
Widmann: Super …
Zerzer: FFP3-Masken …
Widmann: … also viel besser, ja genau …
Zerzer: Also das Wording kann nur das sein. Und außerdem … […]… Sie haben ja einen Dokumentencheck machen lassen, ob die Zertifizierungen passen. Das sollten wir auch sagen können, bin ich der Meinung.
Widmann: Ja genau. Und kriegen wir nicht schnell einen Test her, den wir machen lassen?
Zerzer: (atmet tief) Das wäre in meinen Augen eher ein Zeichen, dass wir unsicher sind. Das würde ich so schnell sagen.
Widmann: Passt, okay.
In diesem Gespräch geht es nicht nur um eine mögliche Verteidigungsstrategie, sondern es geht auch wieder um die vermeintliche undichte Stelle im Sanitätsbetrieb.
Florian Zerzer: Ich hoffe jetzt nur noch, und daran würde mir wirklich brutal viel liegen, dass ich irgendwie herausbekomme, wer das weitergegeben hat. Denn das möchte ich wirklich wissen …
Florian Zerzer hat noch ein weiteres Problem.
Der Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes muss Christoph Engl, den OberAlp-CEO, von den möglichen journalistischen Enthüllungen informieren.
Florian Zerzer: Ich muss den Engl anrufen, und der wird sie gestrichen voll haben. Das kann ich mir denken. Aber es hilft nichts.
Thomas Widmann: Ach, wenn er nicht diesen blöden Test hätte machen lassen, dann wäre nichts passiert. ..[…].. So einen Scheiß- Test machen lassen. Warum hat er den überhaupt machen lassen? Aber egal, es ist, wie es ist. Schauen wir, was passiert. Und wir hören relativ schnell, was Sache ist. Vielleicht hören wir uns noch später, wenn du mit dem Engl geredet hast, was er gesagt hat. Okay?
Zerzer: Jawohl, da gebe ich dir ein Feedback.
DAS BUCH
Das Enthüllungsbuch „Das Geschäft mit der Angst“ von Christoph Franceschini und Artur Oberhofer ist in dieser Woche erschienen.
In diesem 600 Seiten starken Buch, das in den ersten drei Tagen bereits über 3.000 mal verkauft worden ist, rekonstruieren die beiden Journalisten den Südtiroler Schutzmaterialien-Skandal. Im Vorjahr haben Franceschini und Oberhofer den Politthriller „Freunde im Edelweiß“ veröffentlicht, der ebenfalls ein Bestseller wurde und hohe Wellen geschlagen hat.
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