„Spitze des Eisbergs“

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In Südtirol herrscht Fassungslosigkeit über den Mord an Celine Frei Matzohl. Christine Clignon, Präsidentin der Kontaktstelle gegen Gewalt an Frauen in Bozen, erklärt, warum es so schwierig ist, sich aus dieser Gewaltspirale zu befreien.
TAGESZEITUNG: Der Mord an der 21-jährigen Celine Frei Matzohl in Schlanders hat in ganz Südtirol für große Bestürzung gesorgt. Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Christine Clignon: Dieser Femizid ist – genauso wie alle anderen – die Spitze des Eisbergs. Es gibt kaum einen Frauenmord, dem keine Gewalt vorausgegangen ist. Das ist also kein vereinzelt auftretendes Phänomen geistiger Umnachtung, sondern der Tatbestand hat System und war durchaus vorhersehbar. Wenn wir von männlicher Gewalt an Frauen sprechen, sprechen wir immer von Macht und Kontrolle. Der Täter übt seine Gewalt aus, indem er das Opfer kontrolliert. In dem Moment, wo die Frau sich der Kontrolle entzieht, verliert der Mann seine Macht und bringt sie um – weil das die höchste Form der Kontrolle über das Leben der Frau darstellt. Das ist nicht die Interpretation dieses einen Falles, das ist in Bezug auf allen Femiziden Tatsache. Die Gesellschaft wird sich jetzt eine Woche lang über das, was in Schlanders passiert ist, schockiert zeigen, Menschen werden Hashtags ins Internet stellen und die Medien werden voll mit sensationstüchtigen Berichten sein, aber danach wird sich niemand mehr damit auseinandersetzen, wie es zu dieser erhöhten Rate an Femiziden kommt. Und das ist das wirkliche Problem dahinter.
Obwohl die junge Frau ihren Ex-Freund angezeigt hat, gab es kein Annäherungsverbot, da kein Handlungsbedarf erkannt wurde. Welche Botschaft wird Betroffenen dadurch vermittelt?
Leider fehlt es hier an allen Ecken und Kanten. Gewalt an Frauen ist fast schon normalisiert worden. Eine von drei Frauen erlebt im Laufe ihres Lebens irgendeine Form von Gewalt. Gewalt kann nämlich verschiedene Gesichter annehmen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das in unserem nächsten Umfeld stattfindet. Aus diesem Grund braucht es für Frauen in Gewaltsituation ein starkes Netzwerk aus vertrauten Personen und kompetenten Fachkräften aus Gewaltschutzzentren sowie eine gute Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften. Es ist wichtig, betroffene Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu unterstützen und ihnen zuzuhören, ohne sie dabei zu bewerten. Es ist wichtig, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht allein sind.
Der Femizid von Celine sorgt auch auf rechtlicher Ebene für Diskussionen. Bedarf es einer Gesetzesverschärfung?
Wenn die zuständigen Personen die Gesetze nicht richtig umsetzen, bringen auch schärfere Gesetze nichts und sie bleiben bloß auf dem Papier. Es erfordert vielmehr eine Aus- und Weiterbildung des zuständigen Personals, um Gewalt zu erkennen und zu wissen, wie man damit umgeht.
Warum ist es so schwierig, sich von einer gewalttätigen Beziehung zu befreien?
Der Ausstieg aus einer Gewaltsituation ist der gefährlichste Moment, denn an diesem Punkt verliert der Täter die Macht über die Frau. Meistens handelt es sich bei den Tätern um sehr vereinnahmende Personen. Sie wirken zuerst wie der Prinz aus dem Märchen. Die Gewalt in der Beziehung beginnt eher schleichend und äußert sich durch ein sehr kontrollierendes Verhalten. Beispielsweise wenn er ihr verbietet, ein bestimmtes Kleidungsstück in der Öffentlichkeit zu tragen oder ihr vorschreibt, sich immer mehr von ihrem sozialen Umfeld zurückzuziehen. Es fängt mit einer sehr komischen Idee von Liebe und Fürsorge an und steigert sich mit der Zeit. Man definiert vier Phasen in dieser sogenannten Gewaltspirale. In der Honeymoon-Phase tut er alles für die Frau, er versteht sie und trägt sie auf Händen. In der zweiten Phase kommt es zu einem Anstieg von Spannungen und in der dritten Phase schließlich zur Gewalt. Danach folgt unweigerlich die Entschuldigung. Dieser Kreislauf wiederholt sich immer wieder, bis die Gewaltphasen – die Gewalt wird auch immer stärker – irgendwann immer länger andauern und die Honeymoon-Phasen immer kürzer werden. Sobald man das erkennt, ist es meistens schon zu weit fortgeschritten, man hat gemeinsame Zukunftspläne oder sogar schon Kinder. Daher möchten betroffene Frauen oft daran glauben, dass es wieder so wird wie früher, sie wollen den Mann zurück, den sie kennengelernt haben. Nur gibt es ihn nicht, es hat ihn nie gegeben. Gerade das macht es so schwierig, aus dieser Situation herauszukommen.
Diverse Studien sprechen von einer Zunahme von Fällen von häuslicher Gewalt in Italien und anderen Ländern. Wie hat sich die Situation inzwischen entwickelt?
Die Gewalt ist nicht angestiegen, sondern die Bereitschaft der Opfer, sich Hilfe zu holen. Es gibt immer mehr Bewusstsein dafür, dass die Situation nicht aussichtslos ist, dass es Unterstützung gibt und dass man sich von dieser Gewaltspirale befreien kann.
Könnten elektronische Fußfesseln, wie sie beispielsweise in Deutschland gefordert werden, ein wirksames Mittel gegen Gewalt an Frauen sein?
Ich frage mich, inwiefern das wirklich etwas bringt. Wenn ein Mann diese Entscheidung trifft, wenn die Sucht überhandnimmt, die Frau zu kontrollieren, wird ihn auch keine Fußfessel davon abhalten, sie umzubringen.
Welche Rolle spielt bei Femiziden die Herkunft oder Kultur der Täter?
Gar keine. Die Gewalt an Frauen zieht sich quer durch alle Gesellschaftsschichten, unabhängig vom Herkunftsland, der Sprachgruppenzugehörigkeit oder der sozialen Schicht. Es ist ein Vorurteil, dass Menschen mit Migrationshintergrund gewalttätiger sind. Wenn man auf die letzten acht Frauenmorde in Südtirol seit 2020 blickt, waren ein Großteil der Täter waschechte Südtiroler.
Interview: Sylvie Debelyak
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