„Unzufriedenheit steigt“

Alfred Ebner
Die Gewerkschaften fordern höhere Löhne und Antworten auf die massiven Preissteigerungen. Nur anzuerkennen, dass die Löhne niedrig sind, reiche nicht, sagt der Gewerkschafter Alfred Ebner.
Tageszeitung: Herr Ebner, die vier großen Gewerkschaften haben zu einer gemeinsamen Kundgebung aufgerufen. Zeigt das, wie dramatisch die aktuelle Situation ist?
Alfred Ebner (Sekretär der Rentnergewerkschaft des AGB/ CGIL): Ich glaube, wir haben ein Problem der Umverteilung: Ich höre von Wirtschaftsbereichen, die von Rekord zu Rekord laufen, die Löhne aber stagnieren seit Jahren. Und wenn man bedenkt, dass in Italien die Löhne so schon niedrig sind und wir in Südtirol zusätzlich eine sehr hohe Inflation haben, dann wird die Situation sicher brenzlig. Einiges wird sicher mit Sozialleistungen, Bonussen usw. aufgefangen, aber diese fallen jetzt weg und wenn man die Löhne nicht aufbessert, kommt man aus dieser Situation nicht mehr heraus.
Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?
Ich würde sagen, dass zwei Drittel der Personen auch nach Covid und jetzt trotz Inflation halbwegs über die Runden kommt – wobei es sicher Einbußen bei der Kaufkraft gibt. Rund ein Drittel der Personen, die schon zuvor niedrige Einkommen hatten, sind durch diese Inflation aber relativ armutsgefährdet – und das muss man irgendwie auffangen.
Das vergangene Jahr war für viele Personen eine große Herausforderung angesichts der gestiegenen Energiepreise, der hohen Inflation usw. Die Preise sinken nur sehr langsam wieder, die Löhne steigen aber nach wie vor nicht…
Die Inflation in Südtirol lag Ende des Jahres bei 12,5 Prozent – und das bedeutet, dass auch Kaufkraft verloren geht. Jetzt geht die Inflation zwar zurück, aber man darf nicht vergessen, dass bestimmte Preise nicht so stark zurückgehen – auch weil z.B. bei den Energiepreisen, wo die Regierung bestimmte Reduzierungen vorgenommen hat, diese jetzt wegfallen und dann wird sich am Preis nicht mehr so viel ändern. Die Inflation ist sicher noch nicht besiegt.
Oft wird befürchtet, dass die Preise noch weiter steigen, sollten die Löhne jetzt erhöht werden….
Ich denke nicht, dass diese Inflation aufgrund von großer Nachfrage gewachsen ist, sondern aufgrund von Rohstoffmangel, Spekulationen und der Profitgier bestimmter Unternehmer. Und deswegen glaube ich auch nicht, dass die Preise automatisch stark nach oben gehen, wenn die Löhne steigen sollten.
Im letzten Jahr haben viele versucht die gestiegenen Kosten mit Ersparnissen abzufedern. Aber auch diese sind irgendwann aufgebraucht.
Die kleineren Einkommen mussten sicher auf Ersparnisse zurückgreifen, sofern sie welche hatten, weil es gerade diesen Personen oft schwerfällt, etwas zurückzulegen. Wer ein relativ gutes Einkommen hat, findet meistens einen Spielraum, um ein bisschen zu sparen. Personen mit niedrigem Einkommen geben das meiste Geld aber für Lebensmittel, Energie und Wohnen aus – das heißt, wenn man sparen will, muss man entweder weniger bzw. schlechter essen oder weniger heizen und das hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Lebensqualität.
Können Sie quantifizieren, wie groß der Lohn- bzw. Kaufkraftverlust eines Arbeitnehmers wegen dieser hohen Inflation war?
Der durchschnittliche Kaufkraftverlust wird rund acht Prozent betragen, aber auf ärmere Bevölkerungsschichten wirkt sich das natürlich stärker aus. Die Inflation ist ein Durchschnittswert, und wenn man bedenkt, dass sie bei Lebensmitteln oder Energie deutlich höher war, wirkt sich das noch stärker auf die Kaufkraft aus. Hier muss man unbedingt etwas tun, weil die Unzufriedenheit steigt und die Leute sonst vielleicht wirklich auf die Straße gehen – der soziale Frieden wird dann nicht der bleiben, der er jetzt ist.
Pensionisten erhalten einen Inflationsausgleich. Reicht das?
Es gibt einen Inflationsausgleich für relativ niedrige Renten. Für Renten bis 2.100 Euro gibt es einen vollen Inflationsausgleich, den die Regierung bei 7,3 Prozent festgesetzt hat – er könnte vielleicht nach der Nachberechnung leicht auf 8 Prozent steigen – aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Inflation in Südtirol seit vielen Jahren höher ist als die nationale. Und über die Jahre haben die Renten durch diesen Mechanismus sicher schon 10-15 Prozent verloren.
Die Gewerkschaften fordern nun 150 Euro brutto mehr. Gibt es schon Signale von den Unternehmerverbänden, dass man hier weiterkommt?
Die Unternehmerverbände sind auch der Meinung, dass die Löhne zu niedrig sind, aber konkret ist noch nichts passiert. Nur anzuerkennen, dass die Löhne niedrig sind, reicht nicht, man muss auch offen sein, die Löhne zu erhöhen – und die Bereitschaft dazu ist sehr unterschiedlich.
Könnte man mit höheren Löhnen auch verhindern, dass Fachpersonal ins Ausland abwandert?
Ganz sicher. Es stimmt, dass der Lohn nicht alles ist, es geht auch um andere Aspekte, wie Forschungsmöglichkeiten und Wohnraum, die jungen Menschen sehr wichtig sind. Aber der Lohn ist für uns sicher ein sehr wichtiger Aspekt.
Zusammenfassend kann man also sagen: Es braucht dringend Maßnahmen, um den sozialen Frieden nicht zu gefährden?
Lohnforderungen sind mehr als gerechtfertigt und ich hoffe, dass es gelingt diese durchzuziehen und dass sich Politik, Unternehmer und Gewerkschaften an einen Tisch setzen und das Thema Kaufkraft in Angriff nehmen.
Interview: Lisi Lang
Kommentare (15)
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