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„Die Leidtragenden sind die Kinder“

Foto: lpa

Sie sollen alles ein bisschen sein: Bezugspersonen. Problemlöser. Psychologen. Pädagogen. Übersetzer. So beschreiben LehrerInnen und KindergärtnerInnen die Situation an Südtirols Schulen.

Franziska (Kindergärtnerin)

Auch in den Kindergärten ist es allerhöchste Eisenbahn. Ich glaube nicht, dass noch viele bleiben in dem Beruf. Der Kindergarten ist lange schon nur mehr ein Aufbewahrungsort für die Kinder. Die Bildungsqualität ist schon lange nicht mehr gegeben, die wir den Kindern eigentlich geben wollen. Sie ist lange schon nicht mehr gewährleistet. Es wundert mich, dass sich hierzu die Eltern nie zu Wort melden. Aber Hauptsache die Kinder sind 12 Stunden am Tag nicht zuhause, so kommt es uns halt manchmal so vor. Mitarbeiter für Integration brauchen wir schon gar nicht mehr reden. Da hat uns jetzt die Direktorin einen Maulkorb verpasst und gesagt, wir brauchen erst gar nicht mehr fragen, was dieses Thema anbelangt. Wir bekommen keine Mitarbeiter für Integration mehr und wir müssen flexibel sein und wir werden das schon stemmen. Ich muss ehrlich sagen, wir wissen nicht mehr, wie wir es stemmen sollen. Es sind so viele Kinder, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für Integration brauchen, wir bekommen einfach keine Leute. Das sehe ich nicht mehr ein, dass es immer bei uns heißt, wir müssen flexibel sein. Das geht so nicht mehr. Da sind wir einfach machtlos und diese Machtlosigkeit ist einfach nicht fein. Ich tue gerne meinen Job, auch wenn wir ihn 11 Monate machen sollen, aber da kommen halt andere Probleme auf uns zu. Ich bin aber echt beim Überlegen, wenn ich jetzt einen Job angeboten bekäme, alle Tage am Vormittag zu arbeiten, dann bin ich sofort in diesem Job drinnen und nicht mehr im Kindergarten. Ich weiß, dass viele derzeit so denken.

Hubert (Vater eines behinderten Sohnes)

Unser Sohn hat nun mittlerweile die sechste Mitarbeiterin (für Integration) heuer. Aus verschiedenen Gründen, es waren gute und auch weniger gute dabei… Die letzte, die ihn jetzt bis Schulende begleitet, ist top.

Aber was ist nächstes Jahr? Stellen-Wahl, Schwitzen und hoffen dass es besser wird. Es geht vor allem um Kontinuität, die wichtig wäre.

Verena Rinner (Direktorin Oberschulzentrum Schlanders)

Ich stimme Herrn Tribus vollkommen zu, Anonymität ist kein Schritt in die richtige Richtung.

Wir als Schule haben eine riesige Vorbildfunktion. Wir müssen den Kindern und Jugendlichen VORLEBEN, dass wir unsere Meinung nicht nur äußern dürfen, sondern äußern müssen und dass wir zu unseren Äußerungen mit unserem Namen stehen müssen, dass wir uns für das, was uns wichtig ist OFFEN einsetzen müssen, Probleme ansprechen, Diskutieren, Lösungen finden.

Hintenherum, hinter vorgehaltener Hand … das ist kein Weg.

Es braucht den Mut, Probleme offen anzusprechen. Und die Gewerkschaft täte gut daran, konkrete Lösungsvorschläge zu bringen.

Es braucht in jeder Schule eine Schulpsychologin, egal ob über die Schule angestellt oder abkommandiert vom Psychologischen Dienst – aber eine Psychologin, die vor Ort ist, die notwendigen Abklärungen direkt vor Ort macht, den Schüler nach der Abklärung begleitet, die Lehrpersonen berät, bei Problemen direkt da ist, die Schulrealität kennt, Teil dieser Schulrealität ist. Kleinere Schulen könnten sich eine Psychologin teilen, größere Sprengel-Zentren brauchen eine eigene.

Damit würde man sich viele ausgelagerte Dienste (Schulberatung, Integrationsberatung, Psychologen beim Psychologischen Dienst…) sparen.

Die Autonomen Schulen brauchen mehr Autonomie, besonders Personalautonomie. Das ist ein sehr hoher Anspruch/Wunsch, aber es wäre endlich an der Zeit. So könnten Schulen wirklich autonom handeln, Stellen zielgerichtet ausschreiben, Lehrpersonen vielleicht mit Anreizen, auch finanzieller Art, an schwierigere Schulen (‚Brennpunktschulen‘) holen und ihre Mehrleistung belohnen. Aber auch Lehrpersonen nicht mehr an den Schulen haben, die im Grunde keine Motivation mehr haben.

Leo Ploner (Lehrer Sozialwissenschaftliches Gymnasium Brixen)

Ein großes Problem ist für mich die Tatsache, dass die Ressourcen (Stundenkontingent, welche den Schulen zugeteilt werden) fühlbar jedes Jahr weniger werden. Warum ein so reiches Land wie Südtirol gerade hier sparen muss, ist schon etwas eigenartig und bedenklich. Dadurch bleiben wichtige Projekte immer mehr auf der Strecke, weil die Stunden nicht zur Verfügung stehen. Ein Problem ist die immer noch zunehmende Bürokratie. Mehr als man unterrichtet, muss man Formulare ausfüllen, Rückmeldungen machen, Evaluationen machen usw. usw. usw.  Das Bombardieren der Lehrpersonen mit Rundschreiben nimmt von Jahr zu Jahr zu. NB: Ich muss auch sagen, dass ich als Lehrperson in einer Schule mit Musikschwerpunkt wohl bezüglich einiger allg. bekannten Problemen sicherlich in einer eher guten Position bin.  Probleme mit Schüler*innen, welche eigentlich an einer Oberschule wenig verloren haben, gibt es kaum.

 

Iris (Lehrerin Grundschule – 25 Jahre Erfahrung)

Besonders das fehlende Ansehen in der Bevölkerung schadet dem Lehrerberuf. Wenn man den Job ernst nimmt, dann schafft man kaum das Arbeitspensum. Migration ist nicht das Problem, eines der wahren Probleme ist, dass permanent die Kompetenz der Lehrpersonen und Kindergärtnerinnen in Frage gestellt wird. Der Übertritt von Kindergarten in die Schule liegt bspw. alleine in der Entscheidungsgewalt der Eltern – egal welche Voraussetzungen bestehen oder nicht bestehen. In manchen Klassen sind die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern so extrem, dass man kaum arbeiten kann. Damit geht die Schere zwischen starken und schwachen Schüler immer weiter auseinander.

Auch die Eltern haben sich grundlegend verändert. Wenn man z.B. ins Register einträgt, dass die Hausaufgaben nicht gemacht wurden, rufen die Eltern noch am selben Nachmittag an, um sich zu beschweren. Man wird als Lehrerin dann sogar beleidigt. Oft muss man eine bestimmte Leistungsbereitschaft erwarten können – und das von Kindern und Eltern. Diese hat aber in den letzten Jahren drastisch abgenommen.

Kritik wird nie gerne gesehen und Eltern können immer schlechter damit umgehen, dass die Kinder wegen vergessenen Hausaufgaben oder vergessenen Unterlagen ermahnt werden. Der Fehler wird immer bei anderen gesucht. Oft werden Probleme einfach schöngeredet. Oft werden unangenehme Wahrheiten nicht mehr ausgesprochen. Leidtragende sind aber am Ende die Kinder.

Es fehlen einfach die Mittel mit diesen neuen immensen Herausforderungen in der Schule zu begegnen.

Ich hatte vier Praktikanten, muss gleichzeitig Kinder dem Sozialdienst melden, zudem telefoniere ich regelmäßig mit der Logopädin, weil Kinder nicht mehr richtig reden können, und muss zudem individuelle Bildungspläne erstellen, Zeugnisse und Korrekturen erstellen – es wird manchmal einfach zu viel.

Ich habe meiner ältesten Tochter abgeraten, Lehrerin zu werden. Dabei war es für mich vor 25 Jahren wirklich ein Traumberuf.

Lucia Russo (Lehrerin Sterzing )

Ich unterrichte seit 17 Jahren und habe Erfahrungen in allen drei Schulstufen gesammelt. In diesem Zeitraum hat sich sehr vieles im Schulalltag verändert. Die Herausforderungen, nehmen von Jahr zu Jahr zu. Die Verantwortung und die Belastungen werden immer mehr und es wird immer schwieriger, die Rolle bzw. das Berufsbild der Lehrperson zu definieren: Sollen sie Fachwissen vermitteln? Sind sie Bezugspersonen ihrer SchülerInnen? Evaluatoren? Organisatoren? Kommunikationsexperten? Problemlöser? Motivationstrainer? Psychologen? Pädagogen? Logopäden? Übersetzer? usw. …

Der Alltag im Klassenzimmer sieht inzwischen häufig so aus: 18-22 SchülerInnen teils mit Migrationshintergrund, teils zweisprachig aufgewachsen, leistungsstarke und leistungsschwache SchülerInnen sowie einige Inklusionsschüler. Da die zur Bewältigung dieser Herausforderungen benötigten Ressourcen zum Großteils fehlen, sind die meisten Lehrpersonen dieser Situation in der Klasse auf sich allein gestellt. Es sollten jedoch ALLE SchülerInnen dort abgeholt werden, wo sie im Moment stehen und individuell in ihrem Lernprozess begleitet, unterstützt und gefördert werden. Leider kann eine einzelne Lehrperson diesem Anspruch nicht immer gerecht werden, da es neben schulischen Problemen auch vermehrt Fälle von Mobbing, Suchtproblematik uns Schulverweigerung, auch bei jüngeren SchülerInnen gibt. Dazu kommt, dass Lehrpersonen sich nicht nur einer Klasse widmen können, sondern inzwischen in 3 – 7 Klassen unterrichten und dabei häufig mit mindestens einer dieser zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert sind. 

Es wird in der Öffentlichkeit häufig betont, dass die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft an erster Stelle stehen sollten, da sie unsere Zukunft sind. Leider wird jedoch in Schul- und Bildungsbereich nicht (ausreichend) investiert bzw. werden dringend notwendige Ressourcen nicht bereitgestellt. Die Unterstützung von Seiten der Politik fehlt, und das Berufsbild des Lehrpersonals verliert zunehmend an Ansehen.

 

 

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