„Wir sind nahe am Infarkt“
Der EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann fordert eine gemeinsame Strategie in Sachen Transit. Anstatt auf die Österreicher zu schimpfen, sollte man mit den Schweizern reden.
TAGESZEITUNG Online: Herr Dorfmann, der Transportunternehmer Thomas Baumgartner sagt, das Transitproblem könne nur gelöst werden, wenn Österreich herwärts schaut, sprich: wenn das Nachtfahrverbot fällt. Würden Sie dieser Aussage zustimmen, wenn Sie nicht aus dem transitgeplagten Eisacktal kommen würden?
Herbert Dorfmann: Ich glaube, das ist eine einseitige Sichtweise. Natürlich hat Herr Baumgartner Recht, wenn er – unabhängig von den Anrainern – einfach nur die Infrastruktur sieht. Wenn mehr Stunden zur Verfügung stehen, dann bringt man auch mehr Lkw auf die Autobahn. Aber Tatsache ist: Wir haben auf der Brennerautobahn bereits jetzt eine Verkehrsbelastung jenseits der Kapazität. Die Brennerautobahn hat ihre Kapazitätsgrenze längst erreicht …
Den Verkehr reduzieren wird nicht gehen?
Man darf nicht nur den Lkw-Verkehr sehen. Es gibt auch – und das gefällt uns weniger – die Pkw. Die Leute schimpfen lieber über die Lkw, dabei sind es auch die Pkw, die das Problem schaffen.
Das heißt in Zahlen?
Wir haben auf der Brennerautobahn mehr als drei Mal so viele Pkw als Lkw, konkret: fast 8 Millionen Pkw pro Jahr und 2,5 Millionen Lkw. Und der Verkehr wird, wie Sie richtig bemerkt haben, sicher nicht geringer …
Also, was tun, um das Problem zu lösen?
In dieser Debatte stecken viele Akteure den Kopf in den Sand. Thomas Baumgartner sagt ja selbst, dass jedes Prozent Wirtschaftswachstum zwei bis drei Prozent mehr Verkehr zur Folge hat. Bis der Brennerbasistunnel fertig und in Betrieb ist, werden noch mindestens zehn Jahre vergehen. Das heißt: In diesen zehn Jahren wächst der Verkehr um nochmals fast 50 Prozent. Von derzeit 10 Millionen Fahrzeugen auf der Autobahn gehen wir auf 15 Millionen Fahrzeuge. Und die Autobahn ist – Fahrverbote hin oder her – jeden Tag zu, jeden Tag verstopft. Die Autobahn ist bereits jetzt am Rande eines Kollapses, da nützt dann auch eine dritte Spur südwärts von Bozen nichts, denn Richtung Norden können wir keine dritte Spur bauen.
Freie Fahrt für freie Bürger wird nicht mehr möglich sein?
Wenn man die Situation egoistisch betrachtet, kommt man zu dem Schluss: Als Südtiroler haben wir vom Lkw oder vom Pkw, der von Verona nach München fährt, keinen Vorteil, wenn man einmal von der Maut absieht. Er verstopft aber die Straße, und ein Tourist wird nicht mehr von München nach Südtirol kommen, wenn er fünf Stunden im Stau steht. Wenn man wirtschaftsegoistisch denkt, dann müsste man verhindern, dass die Autobahn täglich verstopft ist …
Beim Treffen mit Verkehrsminister Matteo Salvini haben Sie erklärt, dass man das Thema Transit zu brennerfokussiert angehe …
Ja, es gibt auch andere Straßen über die Alpen. Wir haben leider den Fehler gemacht, in den letzten 30 Jahren nichts zu tun. Die Schweizer sind die Einzigen, die gebaut, die massiv in den Zug und in moderne Zugverbindungen investiert haben. Die große Verbindung zu den wichtigsten Häfen in Rotterdam und Antwerpen ist die Rhein-Linie, der Gotthard. Da die Schweizer nicht mehr als 650.000 Lkw über den Gotthard lassen, gäbe es noch Kapazitäten, die noch nicht genutzt werden. Und ich habe zu Salvini auch gesagt: Gescheiter, als mit Österreich zu streiten, wäre es, mit den Schweizern zu reden, zu sagen: Wir brauchen für die nächsten zehn Jahre, also bis wir den BBT haben, eine Lösung, schafft uns Kapazitäten.
Das wäre eine Lösung?
Ja, weil die Rhein-Schifffahrt ist nur zur Hälfte ausgelastet, sie könnte die Kapazität auf der Wasserstraße verdoppeln.
Zurück zum Brenner …
… der Brenner wird zusammenbrechen, das sage ich seit Jahren, man glaubt mir aber nicht. Ein kleiner Unfall genügt und alles steht still. Das sind die typischen Anzeichen dafür, dass wir nahe am Infarkt sind. Mit unserer Bahninfrastruktur sind wir eindeutig im Verzug, hätten wir mit dem Bau des BBT zehn Jahr früher begonnen … aber das haben manche gut zu verhindern gewusst. Leider! Jetzt haben wir halt die Brennerautobahn im derzeitigen Zustand …
Sie sagen, man sollte mit den Schweizern reden …
Ja. Travis, Brenner und den Gotthard, es gibt keine anderen Strecken, man muss den Verkehr halt aufteilen. Und noch etwas zum Nachtfahrverbot: Die Herren, die eine Abschaffung des Nachtfahrverbotes fordern, leben nicht an der Autobahn und haben kein Verständnis dafür, dass die Menschen, die an der Autobahn wohnen, in der Nacht ihre Ruhe haben wollen.
Thomas Baumgartner hält dagegen, dass heute der Zug lauter sei als die Lkw.
Die Bahn ist natürlich auch ein Problem, aber sie schafft nicht konstanten Lärm. Es stimmt: Wenn ein Zug vorbeifährt, ist er lauter als ein Lkw. Aber wenn die Lkw-Karawane Tag und Nacht rollt, dann ist das unerträglich. Und ich rede nicht nur von den Menschen, deren Häuser 50 Meter von der Autobahn entfernt stehen. Wir leben in einem V-Tal, das bedeutet, dass der Lärm bis hinauf auf den Berg steigt. Ob in Barbian, St Andrä oder auf den Seitenhängen im Wipptal, dort hört man den Verkehr Tag und Nacht.
Auf welches Szenario müssen wir uns einstellen, wenn die Sanierungsarbeiten an der Lueg-Brücke beginnen?
Ich bin kein Techniker, aber auch die Notwendigkeit der Sanierung der Lueg-Brücke ist ein Hinweis dafür, dass die Infrastruktur überbelastet und sanierungsbedürftig ist. Man muss bedenken, dass die Infrastruktur auf österreichischer Seite 70 Jahre alt ist, auf unserer Seite 50 Jahre alt. Deswegen werden die großen Instandhaltungsarbeiten in den nächsten Jahren nicht ab-, sondern zunehmen. Aber: Wenn wir auf der Autobahn nur ein paar Kilometer verengen, bricht der gesamte Verkehr zusammen. Mit dem Verkehr ist es wie mit den Blutbahnen: Solange die Adern offen sind, passiert bei hohem Blutdruck nicht viel, wenn es aber die Ablagerungen in den Arterien gibt, kommt es irgendwann zum Infarkt.
Düstere Aussichten …
Ich muss Thomas Baumgartner in einem Punkt Recht geben: Wir werden das Problem nicht lösen können, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Die Autobahn führt durch drei Staaten und fünf Regionen, entweder finden wir eine gemeinsame Strategie, sonst kommen wir nicht weiter.
Ihnen schwebt eine staatenübergreifende Behörde vor?
Richtig, wir bräuchten eine konstante Koordinierungsstelle, die auf diesem wichtigen Korridor gemeinsame Regeln aufstellt. Heute ist die Situation so, dass die Brennerautobahngesellschaft und die Asfinag sich zwei Mal im Jahr hören. Wir kommen auch nicht weiter, wenn Salvini über Österreich schimpft. Es bräuchte eine übergeordnete Instanz, die entscheidet, was auf der Straße und was auf der Bahn passiert. Und was mir wichtig ist: Man muss auch den Personenverkehr miteinbeziehen: Auf einem Güterzug habe ich nur 30 Lkw-Container Platz, wenn ich aber einen modernen Personenzugverkehr habe, dann bringe ich pro Zug 500 Pkw von der Straße weg.
Salvinis Visionen gehen nicht in diese Richtung …
Die Menschen erwarten sich, dass etwas passiert. Wir streiten – und die Situation wird von Jahr zu Jahr komplizierter. Es muss also etwas geschehen.
Interview: Artur Oberhofer
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