„Es ist nicht zu spät“
Der Fridays for Future-Aktivist Moritz Holzinger hält Reinhold Messner für einen guten Menschen – auch wenn der Achttausender-König die Jugendlichen von heute als Weicheier bezeichnet hat.
TAGESZEITUNG Online: Moritz, sind Sie gerade beim Erdäpfelaufklauben?
Moritz Holzinger (lacht): Nein, bin ich nicht.
Reinhold Messner hat gesagt, die älteren Generationen hätten es doch überhaupt erst ermöglicht, dass die jungen Damen und Herren, die jetzt freitags die Schule schwänzen, protestieren können! Ansonsten müssten sie irgendwo auf dem Acker stehen und Kartoffeln ausgraben …
Mein Alltag besteht aus einer guten Mischung aus Aktivismus und Arbeit, wobei ich möglichst viel Aktivismus machen möchte, um die Öffentlichkeit, um die Menschen für das Klimathema zu sensibilisieren. Unser Ziel ist es, die Leute – und vor allen Dingen die Politiker – darauf aufmerksam zu machen, dass vieles nicht funktioniert, dass wir vieles umstellen müssen, damit der Klimawandel gestoppt bzw. verlangsamt werden kann.
Reinhold Messner aber sagt, Schule zu schwänzen sei nicht nachhaltig …
Der Protest ist nur eine Form des Aktivismus. Und es ist längst bewiesen, dass der Protest auf der Straße etwas bringt, dass die Menschen ihre Meinung ändern, wenn sie sehen, dass so viele junge Leute auf die Straße gehen.
Welche Botschaft haben Sie aus den Aussagen Reinhold Messners herausgehört?
Ich glaube, was er sagen will, ist folgendes: Unsere Eltern und Großeltern haben in den letzten 100 Jahren eine Welt mit viel Wohlstand gebaut. Der Kapitalismus hat uns unzweifelhaft viele Vorteile gebracht, und zwar Vorteile, die man nicht leugnen und auch nicht vernachlässigen kann. Das kann man nicht verneinen. Aber ebenso kann man nicht verneinen, dass wir jetzt komplett aus der Spur geraten sind. Wir sind heute so reif, um zu erkennen, dass wir ein anderes Wirtschaftssystem finden müssen. Wir müssen berücksichtigen, dass wir die Ressourcen nicht mehr so ausnutzen können wie in den letzten 100 Jahren. Genau deswegen gehen wir auf die Straße. Wir wollen aufzeigen, dass es reicht, dass wir schon vor 30 Jahren damit aufhören hätten müssen, die Erde auszubeuten.
Ist die Welt noch zu retten?
Es bringt nichts zu sagen: Es ist zu spät! Es ist sehr spät, wir hätten früher eine andere Richtung einschlagen sollen. Aber auf keinen Fall ist es zu spät.
Wieso, glauben Sie, hat Reinhold Messner die Jugendlichen so frontal angegriffen?
Es bringt gar nichts, sich über die jungen Leute aufzuregen. Denn umso mehr Leute wir für das Klimathema sensibilisieren können, desto schneller kommt der Umschwung.
Sind die heutigen Jugendlichen weinerliche Weicheier?
Schauen Sie: Ich bin jetzt 23. Die Jugendlichen in meinem Alter, die Jüngeren und die ein bisschen Älteren, sind dank des Internets in die Thematik eingelesen. Sie besitzen Informationen auf wissenschaftlicher Basis, sie wissen sehr wohl, welche die Probleme der heutigen Zeit sind …
Sie sagen, die Jugendlichen sind heute viel besser informiert als die älteren Generationen?
Ja, wir sind nicht mehr so in Dogmen oder Systemen gefangen wie die älteren Generationen. Wir sind in einem Zeitalter der freien Meinung und des Internets aufgewachsen. Unsere Generation – und das ist kein Vorwurf an unsere Eltern und Großeltern – hat ein viel weiteres Bild über die Klimakrise und über das, was passieren muss, um die Klimakrise zu stoppen.
Das Internet ist aber nicht immer die Quelle der Wahrheit …
Richtig, es gibt die Fake News und es besteht die Gefahr, in einer Blase zu landen. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Informationen aus möglichst vielen verschiedenen Quellen beziehen, und zwar immer auf einer rationalen und wissenschaftlichen Basis. Unbestritten ist: Die Klimakrise ist da. Es ist spät, aber nicht zu spät. Ich kann den individuellen Weg gehen, mich vegan ernähren, weniger Plastik kaufen und möglichst wenig Auto fahren …
Wenn nur Sie das tun, dann retten Sie damit nicht die Welt …
Ja, genau deswegen richten wir von Fridays for Future den Fokus nicht auf den Einzelnen, sondern wir gehen auf die Straße, um die Politiker zu erreichen. Denn es ist die Politik, die den Umschwung herbeiführen muss. Sie muss das Plastik deutlich reduzieren und plastikfreie Verpackungen fördern, sie muss eine C02-Steuer einführen. Denn wie kann es sein, dass ich für eine Zugfahrt nach Hamburg 250 Euro bezahle und für einen Flug nach Hamburg 12 Euro?
Reinhold Messner sagt, die Natur räche sich nicht am Menschen, weil sie absichtslos sei …
Da hat er recht, auch wir glauben nicht, dass die Natur hinterlistig ist und sich an uns rächt. Das Problem aber ist, dass die Natur nicht mehr lange funktioniert, wenn wir so weitermachen und an unserem Verhalten nichts ändern.
Schwänzen, sagt Messner, sei halt auch nicht sehr nachhaltig …
Es geht den meisten von uns nicht ums Schwänzen. Man sieht das an unseren Demos: Man merkt, dass es den allermeisten Teilnehmern um die Sache geht, das sieht man an den Aussagen auf den Plakaten. Es braucht die Proteste. Denn wenn ich als Einzelperson auftrete, hat das keine Wirkung. Wenn allerdings 500 oder 5000 Jugendliche auf die Straße gehen, dann hat das eine Wirkung auf die Medien, auf die Öffentlichkeit. Also ist das Schwänzen nur ein Mittel zum Zweck. Und wenn man einen Tag nicht zu Schule geht, dann hat das nicht allzu große Auswirkungen, den Stoff kann man problemlos nachholen.
Warum hat Reinhold Messner das Gefühl, dass die Jugendlichen, die auf die Straße gehen, ihre Eltern und Großeltern als Verbrecher ansehen?
Einerseits finde ich es kindisch, wie er mit dem Finger auf uns zeigt und sich angegriffen fühlt. Man kann nicht alle Jugendlichen pauschal in einen Topf werfen. Wir haben die älteren Generationen nie als Verbrecher bezeichnet. Wir machen keine Schuldzuweisungen, sondern wir schauen nach vorne und sagen: Wenn wir alle, die 90-, die 80-, die 50- und die 20-Jährigen zusammen etwas tun, dann kann sich etwas ändern, dann muss die Politik reagieren.
Ihr habt die bösen Politiker im Visier?
Wir haben nie gesagt, Politiker sind scheiße, sondern ihre Methoden und tatsächlichen Umsetzungen …
Ihr habt gesagt, Politik ist nur Blablabla …
Wir sagen: Schaut Leute, wir sind auf dem falschen Weg, aber wir können noch etwas tun, macht eine gescheite Klimapolitik, macht ein Gesetz, dass überall Solarplatten draufkommen, macht Züge günstiger usw.
2,3 Millionen Euro für ein Nachhaltigkeits-Festival auszugeben, ist das zu viel des Guten?
Wir sind der Meinung, dass das Geld in die richtige Richtung investiert worden ist, das Geld ist ja nicht in ein neues Kohlekraftwerk geflossen. Aus unserer Sicht hätte das Festival deutlich kleiner sein können, die Idee aber war super. Denn es sind ganz viele Menschen mit diesem Thema in Berührung gekommen. Wie gesagt: das Event war cool, aber vielleicht etwas zu groß und zu teuer.
Eigenartig war, dass nicht Sie von Fridays for Future auf die Messner-Aussagen reagiert haben, sondern vier „Alte“, Georg Kaser, Josef Oberhofer usw.
Wir haben sofort nach dem Erscheinen des Interviews eine Anfrage an das Büro von Reinhold Messner geschickt. Wir haben angefragt, ob wir mit ihm konstruktiv diskutieren und einen Podcast machen können. Wir haben noch keine Antwort erhalten. Die Unterstützung durch die Heimatpfleger und Herrn Kaser hat uns gefreut.
Sie möchten aber mit Reinhold Messner streiten?
Nicht streiten, sondern konstruktiv unter Erwachsenen diskutieren, das wäre spannend, ja.
Noch einmal: Wie erklären Sie sich den Umstand, dass Messner der Fridays for Future-Bewegung so ins Gesicht gesprungen ist?
Ich glaube, Herr Messner ist im Herzen ein guter Mensch. Am Ende will er dasselbe wie wir: eine gute Zukunft, eine gute Erde. Er hat vielleicht unsere Methoden noch nicht verstanden. Durch einen Austausch würde er uns und unsere Methoden sicher besser verstehen können.
Interview: Artur Oberhofer
Kommentare (18)
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