„Eine gewaltige Dunkelziffer“

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Depressionen haben während der Corona-Pandemie stark zugenommen, angesichts der aktuellen Krisen könnte die Zahl der Patienten weiter steigen. Was Psychiatrie-Primar Roger Pycha zur aktuellen Situation sagt.
Tageszeitung: Herr Primar, laut WHO hat die Corona-Pandemie zu einem starken Anstieg einiger psychischer Krankheiten geführt, Depressionen und Angststörungen sollen weltweit allein im ersten Pandemiejahr um 25 Prozent gestiegen sein. Wie dramatisch ist die Situation?
Roger Pycha (Primar der Psychiatrie in Brixen): Die Zunahme von Angststörungen war laut einer Studie der italienischen Psychologenkammer am Anfang dramatisch, von 14 auf 42 Prozent. Wobei eigentlich müsste man von einer Zunahme der Angst sprechen, Angst um das eigene oder das Leben von nahen Verwandten. Angststörungen sind aber rasch wieder zurückgegangen, in Deutschland von 18 auf 8 Prozent, geblieben ist das Ringen mit den vermehrten Depressionen.
Wie sieht es derzeit in Südtirol aus?
Wir hatten am Zentrum psychischer Gesundheit Brixen 2019 weniger als 2.000 Patienten, 2021 waren es 2.447 – also 25 Prozent mehr. Und wenn man bedenkt, dass weniger als die Hälfte der Betroffenen überhaupt Hilfe sucht, kommen wir auf eine gewaltige Dunkelziffer.
Und wie sehen die Zahlen für 2022 aus?
Heuer zeichnet sich eine Zunahme des Bedarfes an psychologischer und psychiatrischer Betreuung um geschätzte weitere 10 Prozent ab – was unsere ohnehin überlasteten Dienste extrem fordert. Es wird daher leider längere Wartezeiten geben, und es muss zum Ausgleich wieder ein psychologisches Krisentelefon her.
Warum holen sich nur weniger als die Hälfte der Betroffenen Hilfe?
Bei psychischen Störungen war die Scham schon immer das große Hindernis. Betroffene empfinden die eigene Depression oder Angststörung wie eine eigene Schuld, und möchten ihre Schwäche verstecken. Sie haben einfach Angst, in der Folge nicht mehr für voll genommen zu werden. Das muss sich ändern. Niemand schämt sich einer Grippe oder eines Diabetes. Dasselbe muss für Depression oder Angststörung gelten.
Die Copsy-Studie hat auch für Kinder und Jugendliche 2021 eine pandemiebedingte Verdoppelung von psychischen und psychosomatischen Beschwerden festgestellt. Hat sich die Situation mittlerweile wieder stabilisiert, oder kommen jetzt mit der Zeit viele Fälle dazu?
Tatsächlich zeigt sich die psychosoziale Krise verzögert zur medizinischen, sie begann ca. vier Wochen nach Pandemiebeginn, und erreicht jetzt erst allmählich ihr Vollbild. Sie wird durch wirtschaftliche Auswirkungen, Verschuldung, neue Jobsuche, unterbrochene Ausbildungsgänge und unsichere Zukunft angeheizt und wird vermutlich ein Jahr lang über die medizinische Krise hinauswirken.
Erst Corona, jetzt der Ukraine-Krieg und die Energiekrise: Was machen diese Krisen mit den Menschen?
Glücklicherweise besitzen wir alle eine gewisse Widerstandskraft gegen Krisen, man nennt das Resilienz. Damit ist gemeint, dass wir auch chronischen Stress ganz gut aushalten, weil wir uns immer besser darauf vorbereiten, und die Überraschungsmomente geringer werden. Wir reagieren laufend intelligenter. Es kommt darauf an, aus Stroh Gold zu machen wie im Märchen, oder Nachteile zu Überlebensvorteilen zu entwickeln.
Wird die Zahl der Patienten angesichts dieser Entwicklung weiter steigen?
Damit ist zu rechnen, und wir tun gut daran, uns warm anzuziehen. Es nimmt aber auch die psychische Kompetenz der Einzelnen zu. Inzwischen bemüht sich jeder um eigene Ausgeglichenheit in schwierigen Lagen. Wir sind fast gezwungen, unsere eigene psychische Gesundheit zu beobachten und zu fördern. Genügend Bewegung, mindestens 30 Minuten täglich, wirkt gleich gut wie eine Tablette des Antidepressivums Sertralin – allerdings erst nach 16 Wochen. Sertralin wirkt nach drei Wochen.
Kann man eine Depression leicht erkennen oder ist es ein schleichender Prozess?
Die zwei Grundsymptome zur Erkennung einer Depression sind mindestens zwei Wochen lang bestehende dauerhafte Niedergeschlagenheit und der Verlust der psychischen Energie – dann fehlt oft auch die Kraft zu kleinsten Entscheidungen, und die angenehmsten Beschäftigungen werden mühsam.
Heuer wurde auch ein Psychologenbonus eingeführt. Was halten Sie davon?
Das ist eine einzigartige, gezielte Maßnahme des Staates, der nach China am überraschendsten von Corona betroffen war. Italien hat erkannt, dass die psychische Gesundheit der Faktor ist, der uns Corona am besten verarbeiten lässt.
Laut WHO ist Depression mittlerweile eine der bedeutendsten Krankheiten für Frauen und Männer. Wie kann und muss man darauf reagieren?
Seit 2020 ist die Depression für Frauen die wichtigste Krankheit der Welt. Für Männer, die etwas besser davor geschützt sind, wird das laut Schätzung der WHO spätestens 2030 so weit sein. 15 bis 20 Prozent aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken, das sind 1,3 Milliarden Menschen. Und jede psychische Krankheit zieht durchschnittlich sechs weitere Personen in Mitleidenschaft. Rein numerisch betrifft das Thema Depression damit die gesamte Weltbevölkerung. Die Aufforderung ist: mehr darüber zu wissen, um sich besser zu schützen.
Interview: Lisi Lang
Wo es Hilfe gibt:
Als beste Anlaufstellen für depressiv Erkrankte gelten Hausärzte, Zentren Psychischer Gesundheit und Psychologische Dienste. In Notfällen, die mit schwerer Erkrankung oder Suizidgefahr verknüpft sind, soll man sich an die Notfallnummer 112 oder an die Ersten Hilfen der Krankenhäuser von Bozen, Meran, Brixen und Bruneck wenden. Dort besteht rund um die Uhr ein psychiatrischer Bereitschaftsdienst.
Ein Netzwerk der Beratung im Vorfeld besteht auch: Die „Telefonseelsorge“ der Caritas 0471/052052, „telefono amico“ 02/23272327 und „Young and direct“ 0471/1551551 stellen wertvolle Anlaufstellen und Gesprächspartner in seelischen Krisen dar.
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