„Nicht immer sofort einknicken“
Der Rückzug der Winnetou-Kinderbücher ist umstritten. Was die Historikerin Martha Stocker zu den Diskussionen rund um die Neuauflage des Karl-May-Klassikers sagt.
Tageszeitung: Frau Stocker, der Ravensburger-Verlag hat nach Rassismus-Vorwürfen mehrere Winnetou-Titel zurückgezogen. Das sorgt für Diskussionen. War es richtig die Kinderbücher zurückzuziehen oder war diese Entscheidung voreilig?
Martha Stocker: Es ist mittlerweile relativ unberechenbar geworden, was einen Shitstorm im Internet hervorruft. Natürlich kann man sagen, dass es sich um eine romantisierende, verkitschende Darstellung handelt, aber das ist so Vieles heutzutage. Wir haben einerseits brutale Wirklichkeiten, mit denen wir konfrontiert sind und ich habe manchmal das Gefühl, dass es Fluchtbewegungen hinein in eine romantisierte Welt gibt. Und man kann es den Menschen auch nicht übel nehmen, dass sie diese Flucht manchmal antreten, weil die Wirklichkeit in vielen Fällen nicht einfach ist. Auch wenn die Auswirkungen bei uns im Verhältnis zu anderen Realitäten oft nicht so stark zu spüren sind, macht diese Situation unsicher und ängstlich – und deswegen möchte man sich dann auch in Dinge flüchten, wo es schon fast märchenhaft zugeht.
Ich habe das kritisierte Kinderbuch nicht gelesen, kann aber einerseits den Verlag verstehen, der diesen Rückzug macht, um sich keinem wahnsinnigen Shitstorm auszusetzen – aber in der Tat ist es auch so, dass wenn man solche Fälle zur Regel macht, dann gibt man einer Community, die sich in den sozialen Medien gut organisiert, nicht nur in diesem, sondern wahrscheinlich auch in anderen Fällen sehr viel Möglichkeiten. Deswegen wäre es auch wichtig zu wissen, woher die Kritik kommt. Ich glaube, man muss hier schon auch aufpassen, dass man nicht immer sofort einknickt.
Wie viele andere sind auch Sie mit den Winnetou-Büchern von Karl May aufgewachsen und haben diese gelesen…
Ja, natürlich.
Sind die Bücher von Karl May heute nicht mehr zeitgemäß?
Aber die Frage ist dann – wenn man über die Zeitgemäßheit spricht – welche Literatur muss man dann verbieten? Dann gehen wir in eine Richtung, dass wir erklären, was in Vergangenheit richtig oder falsch war und Werke kommen im schlimmsten aller Fälle auf die Zensurliste. Und das ist etwas, was wir uns genau überlegen müssen. Wir schreien nach allen Freiheiten der Welt, die wir haben müssen und nach Eigenverantwortung, die wir wahrnehmen wollen. Die Winnetou-Bücher haben mir Fantasiewelten eröffnet und wunderschöne Landschaftsbilder in meinen Kopf gezaubert. Heute würde ich dieses Buch vielleicht nicht mehr lesen, aber damals war es für mich schon fast eine Weltentdeckung, weil man ja auch nicht so viel Auswahl hatte wie heute.
Warum würden Sie die Winnetou-Bücher heute nicht mehr lesen?
Weil ich sie schon gelesen habe und ich ein Buch nicht noch einmal lesen muss, welches in einer bestimmten Zeit eine gewisse Bedeutung für mich hatte. Bei dieser Auswahl an Büchern kommt man ja gar nicht dazu, etwas zu wiederholen. Vielleicht würde es mit heute auch antiquiert vorkommen – das kann ich aber nicht sagen, weil ich das Buch zuletzt nicht mehr in den Händen hatte.
Kritiker dieser Rückzugsaktion und Karl May-Fans unterstreichen immer wieder, dass es sich um fiktive Erzählungen handelt…
In diesem Sinne habe ich vorhin auch gemeint, dass es märchenhafte und fiktive Schilderungen sind – und das weiß man auch. Nicht richtig finde ich aber, wenn man weiße Schauspieler heutzutage für einen Film einfach anmalt.
Seit Jahren schon wird eine intensive Debatte über kulturelle Aneignung geführt. Ist diese Diskussion wichtig oder übertreiben es die verschieden Positionen?
Die Frage muss sein, was das Endresultat dieser ganzen Geschichte ist. Diskussion finde ich grundsätzlich immer gut, aber soll das Endresultat sein, dass wir bei jedem Shitstorm, der sich zu einem Thema entwickelt – gerechtfertigt oder nicht – sofort einknicken? Oder führt die Diskussion dazu, dass wir über bestimmte Dinge differenzierter nachdenken und vielleicht auch etwas vorsichtiger an gewisse Themen herangehen?
Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Frage, was die sozialen Medien bewirken, bzw. ob sie dazu führen, dass sie die Begriffe verändern. Zum Verantwortungsbewusstsein eines jeden einzelnen gehört auch dazu, dass man sich Dinge anschaut und dann abwägt, was man davon hält. Ich bin überzeugt davon, dass es wichtig ist, über solche Themen zu diskutieren, aber man muss schon auch schauen, woher die Kritik kommt und zur Kenntnis nehmen, dass sich die Menschen oft nach Illusion und Fiktion sehnen – auch das gehört zur Freiheit.
Interview: Lisi Lang
Kommentare (11)
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