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„Profitieren von Maskenpflicht nicht“

(Foto: LPA/ 123rf)

In Südtirol müssen Masken bei der Arbeit und in den Schulen weiterhin getragen werden. Der Infektiologe Gernot Walder erklärt, warum er diese Maßnahme abschaffen würde.

Tageszeitung: Herr Walder, in Italien wurde die Maskenpflicht am Arbeitsplatz nun verlängert. Macht das in dieser Phase noch Sinn?

Gernot Walder: An bestimmten Arbeitsplätzen machen Masken Sinn: In Infektionsambulanzen, in anderen Sektoren des Gesundheitswesens mit einem erhöhten Expositionsrisiko, an Arbeitsplätzen mit Aerosolexposition oder mit sehr intensivem Gesichtskontakt, z.B. in der Zahnpflege/Zahnbehandlung. Hier sind Masken auch abseits von Corona sinnvoll. Wir haben aber keine Daten, die nahelegen, dass wir in der derzeitigen Situation von einer generellen Maskenpflicht am Arbeitsplatz profitieren. Wenn man sich anschaut, wie gut oder schlecht die derzeit verwendeten Masken anliegen bzw. wie die Masken teilweise getragen werden stellt sich generell die Frage, ob man hier nicht einen erheblichen Aufwand für einen geringen Effekt betreibt. Dass es in der augenblicklichen die Viruszirkulation entscheidend verringert, wenn wir nicht gutsitzenden Masken auf einem normalen Arbeitsplatz tragen und die Nase frei lassen, wage ich zu bezweifeln.

Sie bezweifeln also vor allem, dass die Maskenpflicht auch wirklich umgesetzt wird?

Schutzausrüstung entfaltet dann ihre volle Wirksamkeit, wenn sie funktioniert und korrekt verwendet wird. Zum Schutz vor Infektionen braucht es eine dicht sitzende Maske mit einem Gummizug und einem verstellbaren Bügel. Schutzausrüstung setzt aber auch ein Risiko voraus: Wenn man im freien arbeitet, große Abstände hat oder überhaupt in einer Einzelkoje arbeitet macht die Maske infektiologisch wenig Sinn. Zudem ist es nicht vermittelbar, dass Kunden keine Maske tragen müssen, Mitarbeiter schon.

Sie haben bereits einige Situationen aufgezählt. In welchen Situationen ist eine Maske noch sinnvoll?

Wer leichte Symptome hat, die aber einen Krankenstand bzw. Arztbesuch nicht rechtfertigen sollte eine Maske tragen, auch unabhängig von Corona. Das schützt die Umgebung. Die Maske zum Eigenschutz hängt von der Situation ab: In der Ersten Hilfe braucht es die Maske, im Freibad bringt sie weniger und bei der Waldarbeit noch weniger. Das Tragen einer Maske aber prinzipiell zu verurteilen, ist auch nicht zielführend.

Auch in den Schulen gilt nach wie vor die Maskenpflicht. Bringt diese noch eine Entlastung?

Theoretisch sollte das so sein. Ich selbst bin aber auch Schularzt und sehe, dass die Praxis anders aussieht. In der Pause fällt die Maske irgendwann, bei Spaß und Spiel und  spätestens wenn die Kinder etwas essen und trinken. Generell tragen Kinder Masken noch weniger konsequent als Erwachsene, da sind andere Mittel der Infektionsprophylaxe oft zielführender. Das bedeutet jetzt nicht, dass eine Maske überhaupt nichts nützt, derzeit könnte man es aber meiner Meinung nach vertreten, die Masken in der Schule fallen zu lassen.

Ist ein Ende der Maskenpflicht denn überhaupt absehbar, wenn man bereits jetzt so streng ist?

Wir sind in einer Phase, in der die Pandemie langsam ausklingt und zu einem normalen infektiologischen Geschehen wird. Im Herbst werden die Zahlen wieder steigen, in welchem Ausmaß hängt von der dann aktuellen Variante ab, aber auch von der Teststrategie und dem öffentlichen Interesse. Das ist ein Faktum. Wenn wir Normalität einkehren lassen wollen – und dazu gehört auch ein Ende des Masken-Tragens – dann haben wir jetzt die Gelegenheit dazu. Im Herbst könnten wir wieder in eine andere Lage kommen. Ich würde die Maske im Moment wirklich nur bei einer erhöhten Exposition gegenüber infizierten Personen und bei respiratorischen Symptomen einsetzen.

Erkennen Sie einen Unterschied bei den Infektionszahlen zwischen Tirol und Südtirol, wo die Maßnahmen deutlich strenger sind?

Der Omikron-Peak war in allen Europäischen Staaten signifikant höher als alle vorherigen, die Welle lief teilweise zeitversetzt ab. Gemeinsam war auch, dass die hohen Infektionszahlen die Sanitätsstrukturen nicht überlastet haben. Das liegt am Erreger selbst, aber auch an der bereits vorhandenen Teilimmunität der Bevölkerung. Einzig die Kurvenformen waren unterschiedlich – die Welle verlief in einigen Staaten zweigipflig (u. a. Österreich, Deutschland) in einigen eingipflig (z.B. Italien und Schweden).

Trotz dieser Maßnahmen sinken die Zahlen nur sehr langsam. Woran liegt das?

Wie Sie sagen, sinken die Zahlen nur langsam, aber sie sinken. Man muss fairerweise dazu sagen, dass Omikron eine hohe Zahl von Infizierten verursacht hat, bis die Viruszirkulation abklingt und die Zahlen wieder ganz unten dauert das natürlich. Generell gab es seit Jänner hohe Infektionszahlen, aber die Zahl der schweren Verläufe und die Belastung des Gesundheitssystems hat sich in bewältigbaren Grenzen gehalten. Insofern haben sich die Lockerungen als gerechtfertigt erwiesen.

Muss man also damit rechnen, dass es auch im Sommer ähnlich hohe Infektionszahlen gibt?

Das ist unwahrscheinlich. Ich erwarte einen weiteren Rückgang, es bräuchte ungewöhnliche Umstände, dass diese Zahlen nicht weiter sinken. Generell ist der Sommer die Zeit der bakteriellen und lebensmittelassoziierten Infektionen, die Zeit der Viren und Atemwegsinfekte ist der Winter.

Interview: Markus Rufin

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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