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„Ein richtig dummer Mensch“

Der Versuch mächtiger Kreise in und außerhalb der SVP, den langjährigen Parlamentarier Karl Zeller auf eine Stufe mit den falschen Freunden im Edelweiß zu stellen, ist kläglich gescheitert. Warum Christoph Perathoner gehen muss – und Karl Zeller noch einige Monate bleiben darf.

von Artur Oberhofer

Der plötzliche Klimawandel im Edelweiß lässt sich an einer Aussage des Obmannes festmachen.

Am vergangenen Montag, auf der mit Spannung erwarteten Sitzung von SVP-Leitung und SVP-Fraktion, nahm Parteichef Philipp Achammer zum allerersten Mal eine Abstufung zwischen Tätern und (wahren) Freunden im Edelweiß vor.

Der SVP-Obmann sagte:

Man könne die Personalie Karl Zeller nicht auf eine Stufe mit den Machenschaften der negativen Protagonisten des „Freunde im Edelweiß“-Skandals stellen.

Mit anderen Worten: Zeller ist nicht Thomas Widmann, er ist nicht Christoph Perathoner, und Zeller ist auch nicht Luis oder Meini Durnwalder.

Für Karl Zeller, der von den (falschen) Freunden im Edelweiß und vor allen Dingen vom Tagblatt der Südtiroler in den vergangenen Wochen als Verräter und Nestbeschmutzer gebrandmarkt wurde, dürfte die Geschichte damit ausgestanden sein. Denn Zeller wird nicht zurücktreten. Und es kommt wohl auch nicht zu einem Rausschmiss.

SVP-Chef Philipp Achammer hat erkannt, dass der Aufwand für einen Abschied mittels Tritt in den Hintern, der ganz nebenbei rechtstechnisch nicht so einfach umzusetzen gewesen wäre, in keinem Verhältnis zum innerparteilichen Nutzen stünde. Auch weiß der SVP-Obmann: In der SVP-Basis hat der langjährige Parlamentarier und Architekt der Südtiroler Autonomiepolitik Karl Zeller – trotz oder vielleicht auch wegen der ständigen Querschüsse aus dem Medienhaus Athesia – ein viel besseres Standing als die „Dolomiten“ glauben machen wollen.

Der Kompromiss, mit dem alle Seiten leben können, sieht so aus: Zeller bleibt bis zum Parteitag am 3. September Vize-Obmann, er geht allerdings – eine Konzession an den Obmann – nicht mehr zu den Sitzungen.

Damit dürfte die SVP die Phase 1 des Saubermachens nach dem „Freunde im Edelweiß“-Skandal abgeschlossen haben – erst recht, weil nun auch Christoph Perathoner als Bozner SVP-Bezirksobmann seinen Hut genommen hat.

Zwar stellen Perathoner selbst und die Parteispitze den Rückzug des Rechtsanwaltes und ehemaligen SAD-Präsidenten als Liebesdienst des Grödners an seiner Partei dar.

In Wahrheit ist Perathoner nicht freiwillig gegangen, obwohl er jener SVP-Politiker ist, der am tiefsten in den „Freunde im Edelweiß“-Skandal verwickelt war. Politisch wie wirtschaftlich. Und vor allem moralisch.

Aber Südtirol ist anders.

In der Südtiroler Politik gibt es seit jeher keine Rücktrittskultur. Und so gesehen ist, beispielsweise, der Sturz von Thomas Widmann ein politisches Jahrhundertereignis. Denn Widmann war – weil vom Medienhaus Athesia seit Jahrzehnten protegiert – nach dem LH der mächtigste Politiker im Lande.

Christoph Perathoner war hingegen die intellektuelle Speerspitze jenes internen Zirkels der Volkspartei, die die Adenauersche Steigerungsformel Freund, Feind, Parteifreund auf die Spitze getrieben hat. Und der smarte Grödner war – gemeinsam mit Ingemar Gatterer, Thomas Widmann, Luis Durnwalder und dessen Neffen Meini – jener SVP-Politiker, der maßgeblich am innerparteilichen Komplott gegen Landeshauptmann Arno Kompatscher beteiligt war und dem die Interessen der SAD wichtiger waren als das Gemeinwohl und die Interessen seiner eigenen Partei.

So wie Thomas Widmann hat sich auch Christoph Perathoner wochenlang und mit allen Mitteln gegen einen Rücktritt gewehrt. Aber am Ende war die sonore Wucht der im Buch „Freunde im Edelweiß“ veröffentlichten Audio-Dateien so stark, dass Perathoner nicht mehr zu halten war und gehen musste.

Eine Auswahl der „Highlights“ aus den zahlreichen Perathoner-Telefonaten zeigt denn auch eindrucksvoll, warum die SVP bzw. die Perathoner-Freunde im Edelweiß die simple Gleichung „Zeller ist wie Perathoner“ nicht aufrechterhalten konnten – weil zu verwegen und völlig absurd.

Sollte das Buch „Freunde im Edelweiß“ dereinst verfilmt werden, braucht es schon eine scharfzüngige Figur vom Kaliber eines Lukas Lobis, um dem vielschichtigen Charakter des Christoph Perathoner gerecht zu werden.

Doch hören wir in diese Audio-Dateien hinein.

Am 17. Oktober 2018, ein Mittwoch, greift Ingemar Gatterer zum Telefon. In vier Tagen wählt Südtirol den neuen Landtag.

Gatterer wählt die Rufnummer eines engen Freundes: Christoph Perathoner. Nach dreimaligem Klingeln meldet sich Perathoner: „Hoi.

Ingemar Gatterer fällt seinem Gesprächspartner mit der Tür ins Haus: „Wirst du der nächste Landeshauptmann?

Perathoner ordnet kurz seine Gedanken und antwortet höhnisch-abfällig: „Kannst du dir vorstellen, dass ich mit diesen Typen noch etwas tun haben will?

Ingemar Gatterer lacht vergnügt ins Telefon.

Im weiteren Gespräch kommt die Verachtung und der Hass zum Vorschein, die das Duo unter anderem gegen Daniel Alfreider hegt:

Christoph Perathoner: Nach den Landtagswahlen werden sie mich höflich bitten, dass ich meine Mandate in der Partei zurücklege. Das werde ich natürlicherweise mit vollem Genuss tun. Und dann habe ich immerhin 20 Jahre lang Politik gemacht. Und ich glaube, das ist eine lange und gute und tolle Zeit, die ich mit großem Idealismus meinem Land gewidmet habe.

Ingemar Gatterer: Ich verstehe dich …

Perathoner: Mah, weißt du, ich komme mit den ganzen Typen auch nicht mehr aus. Sie spüren ja aus jeder Pore, wie sehr ich sie verachte. Das ist gegenseitig. Und ich bin halt nicht ein guter Schauspieler. Ich habe schon ein paar Leute, mit denen ich brutal gut kann. Aber das sind alles Leute, die der Arno Kompatscher als Feinde sieht, verstehst du? Er tut alles, damit der Vallazza nicht gewählt wird. Er tut alles, damit das Arschloch von einem Alfreider gewählt wird. Und der wird auch noch der neue Mobilitäts-Landesrat!

Gatterer: Ja.

Perathoner: Aber der Alfreider, glaub’s mir, ich habe ihn im Wahlkampf immer wieder erlebt, das ist das Haalste, das Dreckigste und das Kotzigste, was es gibt …

Gatterer: Ja …

Man muss wissen: Christoph Perathoner hat den „Störkandidaten“ Manfred Vallazza – auch er einer von der SVP-Spezies, die aus Trotz neben der Weinkarte kein zweites Buch lesen – erfunden hat, um seinen Erzfeind Daniel Alfreider zu schaden.

Ein weiterer Auszug aus dem Telefongespräch zwischen Perathoner und Ingemar Gatterer: 

Christoph Perathoner: … aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Vallazza ihn [gemeint ist Daniel Alfreider – Anm. d. Autoren] putzt, oder? Im Pustertal ist der Vallazza zwar schon stark, aber außerhalb, im Rest des Landes, kennt ihn kein Schwein.

Ingemar Gatterer: Ich derschätze das nicht ein. Es sind viele, die zu mir sagen, dass die SVP eine enorme Schlappe kriegt. Es sind dann wieder viele, die – so wie du – sagen: Nein, so schlimm ist es nicht …

Perathoner: Die SVP liegt auch bei den kritischen Umfragen immer noch über 40 Prozent. Und über 40 Prozent heißt, dass der Landeshauptmann Arno Kompatscher bleibt und dass die determinierende Kraft in der Landesregierung die SVP ist, weißt du. Und beim Arno Kompatscher … der verliert 10.000 oder 15.000 Stimmen, glaube ich, und nicht mehr!

Gatterer: Tust halt nicht SVP wählen, gell (lacht).

Perathoner: Ich? Ich muss SVP wählen! Ich muss ja den Vallazza durchbringen. Das wäre mein größter Sieg, wenn mein Kandidat, der Vallazza, mehr Stimmen kriegen täte als der Kandidat vom Arno. Weißt du, das ist ein regelrechter Kampf, den wir uns liefern.

Gatterer: Meinst du, das geht?

Perathoner: Mah, der Vallazza ist im Prinzip nur von mir unterstützt und von zwei, drei Freunden (…). Der Alfreider ist ein richtig dummer Mensch, er hat auf Nichts eine Antwort und gibt immer nur die Fragen weiter. Aber er wirkt halt aufgrund seines Ausschauens auf die Medien. Und der Vallazza ist halt der arme Bub, der mit dem Rucksack von Dorf zu Dorf geht und sich bewirbt. Aber du wirst sehen, er hat die Chance, hineingewählt zu werden. Das Geilste wäre, wenn – aber das wird nie passieren, weil er [Daniel Alfreider – Anm. d. Autoren] einfach zu viel investiert hat – er net gewählt würde und der Vallazza drinnen wäre (lacht herzhaft).

Gatterer: Viele Stimmen gebe ich dem Alfreider nicht, das muss ich ehrlich sagen …

Perathoner: Wenn der Arno noch fünf Jahre reagiert, dann weiß ich nicht, ob die Volkspartei. Die Volkspartei gibt es ja jetzt schon nicht mehr, es sind ja fast keine Mitarbeiter mehr…

Gatterer: Ja, wenn er fünf Jahre so weitermacht, dann ist das Edelweiß am Boden. Das ist meine Meinung. Dann gehen sie gegen 30 Prozent …

Perathoner: Du hast gesehen, wie es in Bayern war.

Bei Ingemar Gatterer glühen die Drähte der Selbstkontrolle. Am Tag nach der Landtagswahl ruft der SAD-Chef seinen engen Vertrauten Christoph Perathoner an.

Ingemar Gatterer: Und? Bist zufrieden?

Christoph Perathoner: Ja, die Partei hat sich weit besser geschlagen, als ich mir erwartet hätte. Nach den ersten Zahlen, die gekommen sind, habe ich mir gedacht, wir sind deutlich unter 40 Prozent, ich dachte zu dem Zeitpunkt, dass bei uns das Gleiche passiert, was in Bayern passiert ist. Aber jetzt sind es minus zwei oder drei Prozent zum Unterschied vom letzten Mal … und die Lega, die sich als natürlicher Koalitionspartner anbietet. Von mir aus schon eine Schlappe, aber ich glaube, der Arno hat es brutal gut hinbekommen …

Gatterer: Wie gut hingekriegt?

Perathoner:  Ja, ja …

Gatterer: Na, Wahnsinn! Er verliert 11.000 Stimmen, er verliert zwei Mandate, und dann redet man in der Partei, er hat das gut hingekriegt! Wahnsinn! (…)

Gatterer: Und ich habe mir gedacht, die Partei verlangt jetzt den Rücktritt vom Kompatscher …

Perathoner: Aber der Mann hat ja seine Stimmen gehalten. Die Partei hat verloren …

Gatterer: Das hat mit dem nichts zu tun (…).

Perathoner: Aber wen tätest du dann zum Landeshauptmann machen? Den Philipp Achammer? Das wäre ja noch zacher?

Gatterer: Ja, selbstverständlich. Auf der Stelle weg mit diesem Mann.  Ihr müsstet jetzt intern aufstehen und sagen: Wo sind wir denn!? Die Figur des Landeshauptmannes ist vom letzten Wahlergebnis zu diesem um 55.000 Stimmen zurückgegangen. Ja, seid ihr wahnsinnig! Die Integrationsfigur Landeshauptmann in Südtirol … Der Luis Durnwalder hat beim letzten Mal 110.000 Stimmen bekommen, der [Kompatscher – Anm. d. Autoren] ist bei 65.000.

Perathoner: Ja, aber er hat immer noch weitaus mehr als jeder andere Kandidat.

Gatterer (wird aggressiv): Das tut nichts zur Sache! Er hat es geschafft, innerhalb von fünf Jahren die Integrationsfigur Landeshauptmann kaputtzumachen …

Perathoner: Ja, aber es gibt keine Alternative …

Gatterer: Das kann nicht sein, dass es keine Alternative zu diesem Manager gibt …

Perathoner: Ja, aber das ist leider basisdemokratisch … Er hat 70.000, der Philipp hat 30.000, der Schuler hat 20.000 … Da ist von mir aus der Auftrag, wer Landeshauptmann werden soll, klar. Logisch hat der Arno Kompatscher nicht so viele Stimmen wie der Durnwalder, da bin ich ganz bei dir. Aber 70.000 Stimmen ….

Gatterer: Ja, aber entschuldige: Er war ja der Landeshauptmann-Kandidat, wenn er dann nicht die meisten Stimmen bekommt, dann … Na, gut, ich bin froh, dass ich in diesem Verein nicht mehr dabei bin. Da könnte ich nichts machen …

Perathoner: Das verstehe ich schon. Aber was sollte die Partei tun? Wir müssen jetzt Krisenmanagement machen …

Gatterer: Wenn es da keine Konsequenzen gibt, dann gibt es die Partei 2023 nicht mehr!

Perathoner: Ja, andererseits muss man jetzt schauen, wie man tut, damit die Partei noch fünf Jahre hält.

Gatterer: Ja, aber ihr müsst radikal die Politik ändern! Ihr könnt nicht einfach sagen: Es ist nicht schlecht gegangen, jetzt machen wir weiter …

Perathoner: Das wird sicher geändert, es wird auch die Partei grundlegend reformiert werden. Ich glaube auch nicht, dass es uns noch so geben wird, wie es uns gibt. Mit der Partei, wie sie jetzt ist, ist keine Wahl mehr zu gewinnen!

In dem Telefonat zwischen Gatterer und Perathoner geht es auch darum, wer der nächste Mobilitäts-Landesrat wird.

Ein weiterer Auszug:

Christoph Perathoner: Da bin ich ganz bei dir. Mobilität, da bin ich ganz gespannt, was der Arno tun will …

Ingemar Gatterer: Wenn er den Alfreider bringt, dann erkläre ich ihm den Krieg – am ersten Tag!

Perathoner: Aber damit rechnen wir. Der Alfreider wird sich mehr oder minder das Assessorat aussuchen können. Weil er ist einer der einzigen wirklich treuen Leute, die der Arno hat …

Gatterer: Ja, ja. Aber den fetze ich alle 14 Tage an, das hält er nicht durch …

Perathoner: Das glaube ich auch …

Gatterer: Dem mache ich die politische Zukunft zur Sau.

Perathoner: Ja, ich glaube auch, dass der Alfreider nicht halten wird.

Gekommen ist alles ganz anders. Daniel Alfreider hat sich halten können. Die SAD ist vor die Säue gegangen. Und Arno Kompatscher ist noch immer Landeshauptmann.

 

 

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