„Es ist (bald) vorbei“

Gernot Walder
Der Osttiroler Infektiologe Gernot Walder glaubt, dass die Zeit reif ist, die Corona-Maßnahmen aufzuheben. Das Interview.
Tageszeitung: Herr Walder, Italien hat die Quarantäne-Bestimmungen abgeändert. Ist diese Änderung vertretbar?
Gernot Walder: Jeder Lehrer, der mehrere Jahre Erfahrung hat, wird bestätigen können, dass Infektionskrankheiten in Schulen dazugehören. Diese Krankheiten sind sehr leicht übertragbar und werden schnell die gesamte Klasse erwischen. Dazu gehören unter anderem auch die Masern oder die Windpocken. Ausgenommen sind dabei jene, die ohnehin immun sind, weil sie die Krankheit bereits vorher durchgemacht haben. Im Allgemeinen läuft es so, dass ein Großteil der Klasse für 14 Tage krank ist, später geht es dann aber normal weiter. Genau das passiert nun bei Corona auch. Wirklich verhindern können wir das nicht. Mit vielen Tests werden wir den Schaden nicht begrenzen oder gar steuern können.
Man kann nun also eine Durchseuchung bei den Kindern zulassen?
Eine Durchseuchung werden wir ohnehin bekommen, das ist ja auch nicht unbedingt schlecht.
Besteht dadurch nicht das Risiko, dass Kinder ältere Personen anstecken, die anfällig für schwere Verläufe sind?
Die sind inzwischen hoffentlich geimpft. Aber wie bei allen Infektionskrankheiten gilt auch hier: Wer krank ist gehört ins Bett oder Zimmer und hält sich gerade von anfälligen Personen fern. Das ist zwar kein hundertprozentiger Schutz, aber alles zusammen reduziert das Risiko eines schweren Verlaufs. Sieht man sich die derzeitige Relation zwischen Erkrankten und schweren Verläufen an spricht viel dafür, dass das auch tatsächlich der Fall ist: Wir haben während der letzten Wellen mit niedereren Inzidenzzahlen eine deutlich stärkere Belastung des Gesundheitssystems wahrgenommen. Man kann das Ganze nun also durchaus entspannter sehen, als wir es bisher gesehen haben.
Immer mehr Staaten bereiten sich auf den Ausstieg aus der Pandemie vor. Ist die Zeit dafür nun reif?
Ja, die Zeit ist reif für einen Ausstieg. Niemand kann natürlich in die Zukunft schauen, aber von dem, was wir jetzt sehen, sind wir wieder näher am Ende der Adaption an den Menschen – das Virus wird langsam eine Infektionskrankheit wie jede andere auch. Überraschungen sind zwar weiterhin möglich und eine gewisse Wachsamkeit ist gerechtfertigt, aber die Zeit ist reif für eine Normalisierung.
Wie soll man dann aber mit Positiven umgehen? Soll man nur mehr zu Hause bleiben, wenn man symptomatisch ist?
Der Symptomatische bleibt natürlich zu Hause, er kehrt auch nur zurück, wenn er negativ getestet ist – das gilt nicht nur für Corona, sondern auch für alle anderen meldepflichtigen Krankheiten. Wenn man weiß, dass man positiv ist, gilt gleiches. Allerdings nähern wir uns dem Punkt, an dem es – medizinisch betrachtet- ausreicht, Asymptomatische nur dann zu testen, wenn sie Kontakt hatten oder es die spezielle Situation am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Alltag erforderlich macht. Wenn ich in einer kritischen oder besonders exponierten Infrastruktur, in einem Gesundheitszentrum, in einem Altenheim oder in einem Krankenhaus die Mitarbeiter weiter durchteste, ist das sinnvoll und so lange notwendig, bis es eine Impfung gibt, die die Zirkulation des Virus unterdrückt. Wie wir sehen, ist das ist mit den derzeitigen Impfstoffen nicht möglich – sonst hätten wir andere Zahlen.
Ein breites Testen der Gesamtbevölkerung ist also nicht mehr sinnvoll?
Es ist Zeit, die Teststrategie den Gegebenheiten anzupassen.
Was bedeutet das hinsichtlich der Impfpflicht und der Green-Pass-Pflicht? Sind diese Maßnahmen in dieser Form noch sinnvoll?
Die Impfung reduziert das Risiko eines schweren Verlaufes. Am meisten profitiert davon die Generation 50 bis 60+, da wir dort die meisten schweren Verläufe sehen. Eine Impfpflicht mit den derzeitigen Impfstoffen ist für sie also durchaus argumentierbar, wenngleich Ausnahmen immer möglich sein müssen. Bei den Jüngeren beschränken sich die schweren Verläufe hingegen auf die Risikopatienten, die wir kennen. Eine Impfpflicht hätte für diese Bevölkerungsgruppe Sinn, wenn eine Viruszirkulation verhindert wird. Bei den derzeitigen Impfungen passiert das aber nicht.
Man kann also die Impfpflicht, wie es sie in Österreich gibt, also hinterfragen?
Aus medizinischer Sicht ist eine Impfpflicht argumentierbar, wenn man damit die Zirkulation in der Bevölkerung unterdrücken kann. Dass das mit den derzeitigen Impfungen bei Omikron oder Delta nicht der Fall ist, haben wir gesehen. Allerdings hat die Impf- und Green-Pass-Pflicht auch eine juridische, politische, psychologische und gesellschaftliche Komponente, die sich wesentlich komplexer darstellt. Eine Impfpflicht kann durchaus ehrlicher und für das gesellschaftliche Gefüge weniger schädlich sein als ein unausgesprochener Gruppenzwang durch Druck und Diskriminierung.
Interview: Markus Rufin
Kommentare (29)
Lesen Sie die Netiquette und die Nutzerbedingungen
Du musst dich EINLOGGEN um die Kommentare zu lesen.