„Wir sollten die Kinder impfen“

Hubert Messner
Noch innerhalb dieses Monats soll die Zulassung für die Corona-Impfung für Kinder von elf bis fünf Jahren erfolgen. Was der ehemalige Neonatologie-Primar Hubert Messner dazu sagt.
Tageszeitung: Herr Messner, hat es in dieser Pandemie Sinn, Kinder von fünf bis elf Jahren zu impfen, wenn sie keine Vorerkrankungen haben?
Hubert Messner: Das ist eine wichtige Frage, da Kinder ohne Vorerkrankungen vom Gesundheitsbild her im Rahmen einer Coronainfektion keine besondere Krankheitslast haben. Ich kann die Impfung nur empfehlen, wenn für das Kind der Nutzen dabei größer als die Gefahr ist. Auf der anderen Seite müssen wir für die Kinder ein Umfeld schaffen, in dem sie vor der Infektion geschützt sind. Der Grund einer Impfung darf nicht jener sein, ihnen die gesellschaftliche Teilnahme, wie Schule, Kindergarten oder Soziales, zu ermöglichen
Eine Impfpflicht oder eine 3G-Regelung für Kinder lehnen Sie also ab?
Aufgrund der geringeren Krankheitslast würde ich das nicht für angemessen halten.
Ist die Coronaimpfung jedem Kind zu empfehlen oder muss man von Fall zu Fall entscheiden?
Die Impfung sollte – wie gesagt – das Kind selbst schützen. Dadurch dass der Impfstoff in Amerika und anderen Ländern bereits auf dem Markt ist, gibt es dazu schon Daten. Zuerst sollte man Kinder mit Risikofaktoren, mit Problemen mit dem Immunsystem, mit chronischen Krankheiten, Diabetes oder Herzkrankheiten impfen. Bei ihnen steht der Nutzen außer Frage. Dann gilt es daran zu denken, die gesunden Kinder vor der Infektion zu schützen. Nachdem wir in Südtirol einen großen Anteil an Ungeimpften haben, beziehungsweise es in Rahmen der Delta-Variante die Impfdurchbrüche gibt, funktioniert das nur mit der Impfung.
Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?
Im Juni war ich im Rahmen der Coronaimpfung für Kinder zwischen 12 bis 16 Jahren selbst noch sehr kritisch, weil wir wenig Daten hatten. Für Kinder von fünf- bis elfjährige gibt es nun aber deutlich mehr Daten. Die Studien, die dazu gemacht wurden, sind sehr gut. Man hat zunächst für diese Altersgruppe eine Dosisfindung gemacht. Das heißt, man hat festgestellt, dass bei den Kindern ein Drittel der Erwachsenendosis reicht und man hat zudem festgestellt, dass diese Kinder zwar wie alle Lokalreaktionen, aber keine besonderen Nebenwirkungen haben. Selbst die Myokarditis, die bei Jugendlichen festgestellt wurde, kommt bei ihnen nicht vor. Mittlerweile ist auch klar, dass der Impfstoff für Jugendliche einen großen Nutzen hat. Aus den Daten der Jugendlichen und aufgrund der robusten Immunreaktion, des vorteilhaften Sicherheitsprofil und der Wirksamkeit des Impfstoffes für Kinder zwischen fünf und elf Jahren, kann man sagen, dass keine ernsthafte Sicherheitsbedenken gegeben sind. Ich war und bin immer sehr vorsichtig, weshalb ich zuerst Kinder mit chronischen Erkrankungen impfen würde und dann anhand der Daten aus Amerika und anderen Ländern die Impfung für alle empfehlen.
Erwarten Sie sich, dass der Impfstoff zugelassen wird?
Angesichts dieser Daten glaube ich, dass der Impfstoff in Europa bis Ende Dezember von der EMA zugelassen und empfohlen wird. Die verschiedenen pädiatrischen Gesellschaften werden diese Daten nochmals prüfen und dann auch ihre Empfehlung aussprechen.
Das oberste Ziel ist der Schutz der Kinder. Ist es legitim, das Kind impfen zu lassen, um ältere Familienmitglieder, wie die Großeltern vor einer Infektion zu bewahren?
Nochmal: Grundsätzlich müssen wir zunächst nur das Kind selbst schützen. Ich darf das Kind nicht schützen, um den Gemeinschaftsschutz zu verbessern oder zu erreichen. Gerade in dieser ansteigenden Welle schütze ich mit der Impfung zunächst das Kind und in einem zweiten Moment natürlich auch andere Familienmitglieder. Hätten wir eine absteigende Kurve, oder wäre die Situation ähnlich wie vor einigen Monaten, würde ich das nicht sagen. Jetzt ist es aber durchaus sinnvoll, weil die Kinder durch die Ausbreitung der Delta- Variante die am stärksten betroffene Gruppe sind auch und damit eine große Rolle für den Gesamtschutz spielen. Sie haben deshalb jetzt auch einen Einfluss auf den Gesamtverlauf der Pandemie.
Sind Kinder nach einer Infektion auch von Long Covid betroffen?
Daten zeigen, dass auch kleine Kinder diese Problematik entwickeln. Sie können für mehrere Monate abgeschlagen sein, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen haben. Für Long Covid bei Kindern bekommen wir erst jetzt die ersten Daten, bisher wurde das unterschätzt. Rund einen Monat nach der Infektion können die Kinder außerdem an einem multisystemischen Infektionssyndrom erkranken. Auch deshalb ist die Impfung durchaus wichtig. Zudem kommen diese Probleme und Komplikationen bei einer Impfung nicht vor.
Kinder sind aber nicht so sehr von schweren Verläufen betroffen…
Es gibt Kinder, die schwere Verläufe haben. Dazu zählen in erster Linie aber Kinder mit Vorerkrankungen. Es gibt aber auch Kinder die auf der Intensivstation landen oder leider Gottes sterben, auch wenn das relativ selten vorkommt.
Sollte die Impfung für fünf- bis elfjährige Kinder zugelassen werden, empfehlen Sie also die Impfung?
Wie gesagt, würde ich zuerst die Kinder mit Vorerkrankungen impfen, mit den Daten, die wir nun haben und in der ansteigenden Welle, in der wir uns derzeit befinden, würde ich im zweiten Moment auch die Impfung für die anderen Kinder empfehlen. Bis dahin werden wir viel mehr Daten zur Impfung in dieser Altersgruppe haben.
Es handelt sich um ein hochemotionales Thema. Worauf gilt es in der Diskussion zu achten, wenn der Impfstoff zugelassen ist?
Man muss in der Diskussion pragmatisch und transparent sein. Man muss die Fakten auf den Tisch legen. Wie ich gesagt habe, ist es so, dass Kinder keine große Krankheitslast haben. Nur in seltenen Fällen, wenn Kinder unter Vorerkrankungen leiden, brauchen sie eine intensivmedizinische Behandlung. Wir müssen aber wissen, dass es Long Covid und das multisystemische Infektionssyndrom gibt. Beides kann man durch die Impfung verhindern. Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass Covid weltweit inzwischen zu den zehn häufigsten Todesursachen im Kindesalter gehört. Das zeigen Daten aus Amerika. Von fast zwei Millionen Kindern, die erkrankt sind, sind zwar nur 0,4 Prozent im Krankenhaus gelandet, davon 30% auf den Intensivstationen und 0,005 Prozent daran gestorben, aber mit der Impfung könnte man selbst diese Prozentzahl verhindern. In der Diskussion rund um die Impfung von Kindern muss man diese Daten nicht nennen, wichtiger ist es, Geschichten zu erzählen. Ein Kind durch eine Krankheit zu verlieren, die man durch einen Impfstoff den wir in der Zwischenzeit gut kennen, vorbeugen kann, ist etwas Dramatisches und belastet nicht nur die Eltern.
Vor einigen Monaten hätten Sie die Impfung für Kinder noch nicht jedem empfohlen. Was hat sich nun geändert?
Die Kinder wurden während des Lockdowns eingesperrt, um die Alten zu schützen, schließlich gab es damals auch keinen Impfstoff. Jetzt, wo die Welle wieder ansteigt, stelle ich mir die Frage, warum das so ist. Hätten wir Erwachsenen uns ausreichend geimpft, hätten wir nun die Kinder geschützt. Das haben wir aber nicht getan, weshalb sich die Kinder nun selbst schützen müssen. Das ist ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft, die es nicht geschafft hat für unsere Kinder ein Umfeld zu schaffen, in dem sie vor dieser Infektion geschützt sind. Wir sind in diesem Sinne selbst schuld daran. Deshalb bleibt die Impfung der einzige Schutz für unsere Kinder.
Interview: Markus Rufin
Kommentare (90)
Lesen Sie die Netiquette und die Nutzerbedingungen
Du musst dich EINLOGGEN um die Kommentare zu lesen.