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„Alarmierende Situation“

Maria Elisabeth Rieder

Laut der Team K-Abgeordneten Maria Elisabeth Rieder ist der PflegerInnen-Mangel in Südtirol nicht gottgegeben – sondern die Folge eines jahrzehntelangen Versagens der Politik.

von Artur Oberhofer

Sie hat eine Liste mit neun Punkten angefertigt, um zu belegen, dass nicht der liebe Gott am PflegerInnen-Mangel in Südtirol schuld ist. „Der Mangel an PflegerInnen in unserem Land“, sagt Maria Elisabeth Rieder, die Landtagsabgeordnete des Team K, „ist die Folge eines jahrzehntelangen Versagens der Politik.“

Mit ein Grund für die prekäre Ist-Situation im Pflegebereich sei der Pensionierungswelle der sogenannten Baby-Boomer. Diese Daten seien schon seit Jahrzehnten bekannt.

„Ich erinnere mich, dass das Komitee für Chancengleichheit des Gesundheitsbetriebes bereits vor etwa 25 Jahren eine Studie erstellt hat, in der vorausgesagt wurde, dass mit der Pensionierung der Baby-Boomer ein Pflegemangel auf uns zukommen werde“, sagt Maria Elisabeth Rieder. Es habe damals schon die Aufforderung und auch Maßnahmenpläne gegeben, um frühzeitig tätig zu werden. „Passiert ist leider nichts, seit Jahren wissen die Verantwortlichen davon, ich kenne keine Maßnahmenpläne, die hier Vorbereitungen auf diese Situation getroffen hätten“, so die Team K-Politikerin.

Punkt 2: Die Ausbildung an der Claudiana.

Die Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe hat jährlich 150 Studienplätze für Krankenpflege zur Verfügung, allerdings nur knapp 100 Studienanfänger*innen in jedem akademischen Jahr.

„Nach Angaben des zuständigen Landesrates konnten im Jahr 2020 nur 25 Claudiana-AbsolventInnen im Sanitätsbetrieb aufgenommen werden“, berichtet Maria Elisabeth Rieder.

Im April 2020 seien 218,90 Vollzeitstellen für Krankenpflege unbesetzt gewesen, die mit Stammrollenpersonal besetzt werden könnten. Auffallend sei, dass besonders wenige AbsolventInnen aus dem Pustertal, Eisack- und Wipptal an der Claudiana studierten.

Viele angehende Pflegekräfte gingen nach Österreich und würden dann selten wieder zurückkommen, besonders, seit die Ausbildung auch in Österreich akademisiert wurde. Von dort werden die jungen PflegerInnen direkt von Krankenhäusern im Ausland abgeworben.

Das Team K fordert schon seit längerem eine dezentrale Ausbildung, z.B. Außenstellen der Claudiana in Bruneck und in Schlanders.

Foto: Südtiroler Sanitätsbetrieb/ Ivo Corrà

Apropos Ausbildung: In Tirol werde an sechs Standorten eine Ausbildung angeboten, In Südtirol nur in Bozen.

Seit kurzem kauft das Land Südtirol Plätze in Nordtirol, für die Studierenden aus Südtirol übernimmt das Land die Kosten für einen Studienplatz unter der Voraussetzung, dass diese nach Abschluss in den nächsten 5 Jahren mindestens 3 Jahre in Südtirol arbeiten. „Das Angebot scheint nicht besonders gut angenommen zu werden“, sagt Maria Elisabeth Rieder, „vielleicht auch deshalb, weil die Studiengebühren nicht sehr hoch sind (auf jeden Fall niedriger als an der Claudiana) und viele diese Verpflichtung daher nicht eingehen möchten.“

Der Beschluss der Landesregierung vom 21. September 2021 sei das Dekret des Landeshauptmannes mit den Kriterien für die Vergabe der angekauften Studienplätze an der FHG Tirol abgeändert worden. Demnach wurden im Studienjahr 2021 nur acht von 30 Plätzen vergeben, berichtet Maria Elisabeth Rieder.

Ein weiterer (Minus-)Punkt: Die komplizierten Anstellungsprozeduren und die fehlenden Wettbewerbsausschreibungen. „Die Anstellungsprozeduren“, fordert Maria Elisabeth Rieder, „sind dringend zu vereinfachen.“

Erst vor kurzem sei ein Wettbewerb ausgeschrieben worden. Der letzte Stammrollenwettbewerb wurde 2018 durchgeführt. „Seither warten die AbgängerInnen der Claudiana auf die Möglichkeit, eine unbefristete Anstellung mittels Wettbewerbes zu erhalten“, weiß die Team K-Politikerin.

Ein großes Problem sind auch die Kündigungszahlen im Sanitätsbetrieb. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele KrankenpflegerInnen ihre Stelle kündigen“, sagt Maria Elisabeth Rieder. Allein in den Jahren 2017-2020 seien 316 freiwillige Kündigungen zu verzeichnen.

Diese Kündigungen konzentrierteen sich auf die Berufsbilder der Pflege.

Maria Elisabeth Rieders Rechnung:

„Wenn wir die Zahlen bildlich darstellen, dann haben in 4 Jahren die MitarbeiterInnen eines ,kleinen Krankenhauses‘ gekündigt.“

Auf die konkrete Nachfrage, was gegen diese Kündigungen getan werde, habe LR Thomas Widmann ganz lapidar geantwortet: Die Kündigungszahlen im Sanitätsbetrieb entsprächen der normalen Fluktuation eines Betriebes dieser Größe. „Können wir das einfach so hinnehmen oder müssten hier die Bemühungen verstärken, um die Menschen im Betrieb zu halten?“, fragt Maria Elisabeth Rieder.

Eine weitere Baustelle: Bereits vor den Corona-bedingten Suspendierungen sei die Situation dramatisch gewesen. Bereits 2019 gab es geschlossene Betten. Im Herbst 2019 waren 101 von 1.570 Betten geschlossen. Dienste wurden zusammengelegt, unter anderem auch zwischen den Krankenhäusern, weiß Maria Elisabeth Rieder.

Seit Beginn des Sommers 2021 gibt es durch die staatlich verordnete Impflicht noch zusätzlichen Personalmangel. Mit Stand 30. September2021 sind 451 MitarbeiterInnen des Sanitätsbetriebs – hauptsächlich Pflegekräfte und Hebammen – wegen nicht erfolgter Impfung suspendiert worden. Dabei handelt es sich um 150 Bedienstete des Gesundheitsbezirks Bozen, 150 des Gesundheitsbezirks Meran, 77 des Gesundheitsbezirks Brixen und 73 des Gesundheitsbezirks Bruneck.

Ein weiterer Problemkreis ist – immer laut Maria Elisabeth Rieder – die fehlende Aufwertung des Pflegeberufes: „Am Beginn der Corona-Krise haben wir den Pflegenden auf den Balkonen applaudiert, seit Jahrzehnenten spricht die Politik von der ,Aufwertung des Pflegeberufes‘, aber passiert ist bisher so gut wie gar nichts.“

Aufwertung bedeut nicht nur Gehaltserhöhungen, aber auch das. „Mit den derzeitigen Gehältern können wir mit Österreich und der Schweiz derzeit nicht konkurrieren“, so die Team K-Politikerin.

Auch 8in puncto Kollektivvertragsverhandlungen hapere es.

Nach Jahren des Gehaltsstopps habe es nur geringfügige Gehaltserhöhungen gegeben. Der gültige Bereichsvertrag des nichtärztlichen Personals stammt aus dem Jahre 2011 und betrifft den Zeitraum 2005-2008. Letztes Jahr wurde lediglich ein erster Teil abgeschlossen. Auf den Abschluss des zweiten Teiles würden die Angestellten in den Krankenhäusern immer noch warten. „Die Verhandlungen laufen schleppend“, weiß Rieder.

Ein letzter Punkt: die Gehaltsunterschiede für die KrankenpflegerInnen in den Senioren- und Pflegeheimen.

Die Situation in den Senioren- und Pflegeheimen sei alarmierend, da die Gehälter in diesem Bereich noch niedriger sind als in den Krankenhäusern. „Daher wandert immer mehr Pflegepersonal in die Krankenhäuser ab – die Löcher, die auf der einen Seite gestopft werden, reißen Löcher auf der anderen Seite auf“, so die Team K-Politikerin, die sich fragt: „Wie können wir unter diesen Umständen überhaupt noch junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern?“

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