Bunte Brunellen
Auf dem Puflatsch auf der Seiser Alm soll ein neues Speicherbecken errichtet werden. Ausgerechnet dort, wo eine besondere Art von Brunellen wächst. Nun wird über mögliche Alternativ-Lösungen beraten.
von Thomas Vikoler
Es handelt sich um eine bisher wenig bekannte botanische Besonderheit: Im zentralen Bereich des weitgehend intakt gebliebenen Puflatsch auf der Seiser Alm finden sich zahlreiche Farbvariationen der allgemein als „Brunelle“ bekannten Orchideenart mit dem Fachnamen Nigritella rhellicani, die von Bontanikern als „einzigartig“ beschrieben wird.
Insbesondere vom deutschen Wissenschaftler Richard Lorenz, der im Dezember vergangenen Jahres im Journal Europäischer Orchideen einen Text mit dem Titel: „Die bunten Brunellen vom Puflatsch in Südtirol – ein bedrohtes Naturwunder“ veröffentlicht hat. Die Population ist in ihrem Bestand teilweise durch Düngung und Überweidung gefährdet, was Fachleute auf den Plan gerufen hat, welche die amtlichen Naturschutzbehörden sowie die Grundstückseigentümer für dieses besondere Vorkommen zu sensibilisieren beabsichtigen.
Doch eine andere Bedrohung für die wohlriechenden Brunellen, die auf dem Puflatsch in zwei Dutzend Farbabstufungen auftreten: Der geplante Bau eines Speicherbeckens für die Kunstschneeerzeugung. Es soll in einer Mulde zwischen der Bergstation des Puflatsch-Lifts und dem Kleine-Hexe-Lift errichtet werden, 80.000 Kubikmeter Wasser fassen und 17.000 Quadratmeter einnehmen. Das entspricht in etwa der Fläche von drei Fußballfeldern.
Die entsprechende Bauleitplanänderung ist bereits durch, derzeit wird das Ausführungsprojekt von den zuständigen Stellen geprüft. Auf Anregung von Richard Lorenz, dem wissenschaftlichen „Entdecker“ der bunten Brunellen, fand vergangene Woche auf dem Puflatsch eine Begehung mit den Mitarbeitern des Amtes für Schutzgebietsmanagement, einem Vertreter der örtlichen Forststation und dem Liftunternehmer, Matthias Rabaneser von den Rabanser Seilbahnen, und seinen Projektanten statt. Mit dabei war auch Giorgio Perazza, ein Pflanzenxperte aus dem Trentino. Vertreter der Gemeindeverwaltung Kastelruth nahmen, trotz Einladung, nicht am Treffen teil.
Lorenz und Perazza trafen sich später auch mit den Landwirten, deren Grundstücke sich im Bereich der Orchideenpopulation befinden. Hierbei konnte festgestellt werden, dass manche Flächen in vorbildlicher Weise extensiv genutzt werden (späte Mahd, Nachbeweidung mit geringem Viehbesatz, gelegentliche Düngung mit Trockenmist), wodurch die Brunellen gute Verbreitungsbedingungen vorfinden. In anderen Bereichen hingegen leidet die Population seit zehn Jahren zunehmend unter starker Pferde-Beweidung, intensiver Düngung und Mistablagerungen.
Und das geplante Speicherbecken im Gebiet der bunten Brunellen? Liftunternehmer Rabanser sagt, bisher nichts Genaues über diese Pflanzenpopulation gewusst zu haben. „Es ist natürlich eine blöde Situation, wenn dieses Thema aufkommt, wenn die Bauleitplanänderung bereits genehmigt wurde“ sagt Rabanser. Sein Angebot lautet: Die Rasenflächen des Standorts des künftigen Wasserspeicher an eine anderen Stelle des Puflatsch zu verlegen, wo das Aushubmaterial ausgebracht wird. „Ähnliches haben wir bereits beim Bau der Bergstation vor gut zehn Jahren mit Erfolg getan“, so Rabanser.
Doch lauf Botaniker Richard Lorenz ist eine „Verlegung“ der bunten Brunellen nicht möglich. Sie würden eine solche nicht überleben. Er fordert im Artikel des „Journals für Europäische Orchideen“ eine „Lokalisierung der schutzwürdigen, naturschutzfachlich wertvollen Areale“ und die Ausweisung von entsprechenden Biotopen. Nur so könnte das „bedrohte Naturwunder“ geschützt werden. Der Artikel wurde übrigens in Erinnerung an Alt-Landeshauptmann Silvius Magnago geschrieben, „der sich sehr für den Naturschutz in Südtirol eingesetzt hat und in dessen Amtszeit das erste regionale Naturschutzgesetz Italiens erlassen wurde“.
Nun liegt es an den zuständigen Landesstellen zu entscheiden, ob ihnen am Schutz der „einzigartigen“ Brunellen und somit der Biodiversität etwas liegt.
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