„Schock. Trauer. Zorn.“
Der Fall einer suspendierten Brixner Hebamme zeigt, wie die radikale Umsetzung der Impfpflicht das Sanitätspersonal in Südtirol in zwei verfeindete Lager spaltet – und wie das Zwischenmenschliche auf der Strecke bleibt.
von Artur Oberhofer
Johanna N. ist verbittert: „Ich wusste zwar, dass der Tag der Suspendierung kommen würde, aber die Art und Weise, wie man mich nach 40 Jahren Dienst aus dem Betrieb hinausgeschmissen hat, war entwürdigend.“
Am Fall der Hebamme, die seit Jahrzehnten im Brixner Spital beschäftigt war, lässt sich eindrucksvoll darstellen, wie die radikale Umsetzung der Impfpflicht einen Keil zwischen das geimpfte und das nichtgeimpfte Sanitätspersonal treibt – und wie sich die drastische Maßnahme auf die innerbetrieblichen und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt. „Es werden Teams auseinandergerissen oder gegeneinander ausgespielt, die bislang gut funktioniert haben“, berichtet Johanna N.
Ihr persönlicher Fall, den die TAGESZEITUNG auf der Grundlage des Schriftverkehrs zwischen der Hebamme und dem Südtiroler Sanitätsbetrieb rekonstruieren kann, ist effektiv krass.
Alles begann mit der Weigerung Johanna N.’s, sich nicht gegen Corona impfen zu lassen.
Die Frau, die 40 Jahre lang im Sanitätsdienst gearbeitet hat – anfangs als Krankenschwester und dann als Hebamme –, wollte sich nicht impfen lassen, weil es einen Ictus-Todesfall mit 39 und mehrere Thrombose-Fälle in der eigenen Familie gab. „Ich fürchte mich einfach vor dieser Corona-Impfung“, bekennt die in Brixen wohnhafte Hebamme.
Johanna N. war klar, dass sie aufgrund ihrer Weigerung, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, irgendwann suspendiert würde. Was sie allerdings nicht erwartet hatte: Sie wurde fast wie eine Verbrecherin von jener Stätte weggejagt, in der sie vier Jahrzehnte lang wirkte. Und dazu noch einen Tag zu früh!
Die Fakten: Am 6. Juli dieses Jahres bekam Johanna N. einen von der Direktorin des Betrieblichen Departements für Gesundheitsvorsorge im Sanitätsbetrieb, Maria Grazia Zuccaro, unterzeichneten „Feststellungsakt über die Nichteinhaltung der Impfpflicht“ zugestellt, der in einem fürchterlichen Bürokratendeutsch abgefasst und streckenweise unverständlich war.
Johanna N. ging am 7. Juli zur Arbeit und kontaktierte ihre Koordinatorin, um Klarheit zu bekommen. Die Koordinatorin erklärte der Hebamme, dass der 8. Juli der Suspendierungstag sei. „Ich nahm das wohl oder übel zur Kenntnis, mir war ja seit April klar, dass dieser Tag kommen würde.“
Am 7. Juli versah die Hebamme ihren Dienst in der Ambulanz, als plötzlich um 15.00 Uhr, zwei Stunden vor Dienstschluss, die Tür aufging und eine Hebammenkollegin ganz aufgeregt in die Ambulanz kam. Die Kollegin sagte zu Johanna N., sie habe „einen Auftrag von oben“, sie „sofort zu verschicken“.
„Ich war so schockiert, dass ich über das Geschehene erst gar nicht reflektierte, sondern meine Sachen packte und ging“, erinnert sich Johanna N.
Die Hebamme verließ, wie aufgefordert, die Ambulanz und ging zum Umkleideraum. Doch dieser war versperrt! „Man hatte mir bereits die Stempelkarte blockiert“, berichtet Johanna N.
Brisant: Erst am 9. Juli wurde Johanna N. das Schreiben der Direktorin des Gesundheitsbezirks Brixen, Christine Zelger, zugestellt, in dem ihr formell die „Enthebung vom Dienst und der Bezüge“ mit 8. Juli mitgeteilt wurde.
Johanna N. kann bis heute nicht verstehen, warum man sie einen Tag zu früh nach Hause geschickt hat. Aber insbesondere ist es die Art und Weise, wie man sie zwei Stunden vor Dienstschluss aus dem Spital gejagt hat, die sie nicht nachvollziehen kann. „Ich bin einfach nur entsetzt und fassungslos.“
Johanna N. hat kein Problem damit, mit ihrer persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich denke, die Menschen im Lande sollen wissen, was hinter den Kulissen passiert.“
Und Johanna N. fragt sich: „Wo bleibt die wertschätzende Haltung seitens des Betriebes für die vielen vergangenen Jahre? Ich bin enttäuscht und in meiner Würde verletzt.“
Durch die Impfpflicht sei es so weit gekommen, dass die Menschen nur mehr funktionierten und das ausführten, was von Oben diktiert wird – ohne Widerrede.
Johanna N. weiter:
„Wenn es um Corona, Impfung und Impfpflicht geht, verlieren wir unsere Sensibilität, unser Mitgefühl und den Respekt für den Nächsten, unsere Berufsbilder werden auf geimpft oder nicht geimpft reduziert. Und je nachdem auf welcher Seite man steht, wird man gelobt, geschätzt und prämiert – oder eben, wie in meinem Fall, fallengelassen und bestraft. Was mich besonders schmerzt, ist der Umstand, dass wir als Team auseinandergerissen worden sind, das sind schmerzliche Erfahrungen.“
Kommentare (84)
Lesen Sie die Netiquette und die Nutzerbedingungen
Du musst dich EINLOGGEN um die Kommentare zu lesen.