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„Mit Hausverstand angehen“

Gernot Walder

Die Landesregierung hat auch wegen der Virusmutation beschlossen, in den Lockdown zu gehen. Der Virologe Gernot Walder hält die Entscheidung für übertrieben.

Tageszeitung: Herr Walder, auch Ihr Labor wertet Proben von Coronapatienten auf, um sie auf die Mutation zu überprüfen. Machen Sie das auch für Südtirol?

Gernot Walder: Mit Südtirol beginnen nächste Woche Gespräche, wir haben bisher noch nicht damit begonnen, südtiroler Proben auf Mutationen zu prüfen. Wir beißen uns zuerst durch alle Proben durch, die wir seit Dezember in Osttirol gewonnen haben und schauen, welche Mutationen bzw. Genotypen derzeit zirkulieren. Nächste Woche werden wir damit fertig sein. Wir beginnen also erst in der nächsten Woche mit der Überprüfung neuer Proben.

Nun wurde auch in Südtirol die erste Virusmutation nachgewiesen. Glauben Sie, dass sich die Mutation bereits weiterverbreitet hat?

Ich muss zuerst vorausschicken, dass es völlig normal ist, dass Viren mutieren und sich verändern. Coronaviren mutieren nicht besonders schnell, langsamer als das Influenza-Virus beispielsweise.  Derzeit gibt es rund 500 beschriebene Mutationen, einige sind bereits ausgestorben und tagtäglich kommen neue dazu. Je mehr Sequenz-Analysen wir machen, umso mehr Mutationen werden wir finden. Das ist ganz natürlich. Nicht jede dieser Mutationen hat dann aber auch eine medizinische Bedeutung. Im Augenblick ist nicht sicher, welche medizinische Relevanz die englische, südafrikanische, nigerianische oder brasilianische Mutation haben. Sie sind wissenschaftlich interessant, weil diese Mutationen ein Protein betreffen, das für den Zelleintritt entscheidend ist. Solche Untersuchungen brauchen Zeit und Ruhe, noch gibt es aber keine Evidenz dafür, dass eine dieser Mutation wesentlich gefährlicher ist oder einen Immunitätsschutz durch eine Wildvirus-Infektion wirksam unterläuft. Das ist zwar theoretisch möglich, aber es ist noch kein Faktum.

Aber die Virusmutationen verbreiten sich in Europa rasant. Ist das nicht ein Hinweis für eine erhöhte Gefahr?

Dass sich einzelne Mutationsschienen tatsächlich weltweit verbreiten und gegen bereits bestehende Mutationen durchsetzen, ist ein Faktum. Es ist durchaus möglich, dass sich eine der oben angeführten Varianten zahlenmäßig in Europa durchsetzt. Das ist per se aber nicht bedrohlich. Bedrohlich wird es nur dann, wenn man feststellt, dass Infektionen mit diesem Erreger schwerer verlaufen oder die Infektionszahlen massiv steigen. Derzeit haben wir in den betroffenen Bezirken in Tirol keine Evidenz, dass das passiert. Ich rate deshalb im Augenblick zu mehr Gelassenheit. Wir müssen die Situation beobachten, uns aber nicht davor fürchten.

Wegen der Mutationen in den Lockdown zu gehen ist also übertrieben?

In Tirol sind wir von den Zahlen vom November noch relativ weit weg. Das muss man klar sagen. Die Belastung der Sanitätsstrukturen liegt sowohl in Tirol als auch in Südtirol wesentlich unter der Belastung im Herbst. Bei der derzeitigen Evidenzlage jetzt auf eine Verschärfung der Maßnahmen zu drängen würde ich nicht unterschreiben.

Wie soll man sich dann vor der Mutation schützen? Schließlich könnte sich am Ende herausstellen, dass sie doch bedrohlicher ist.

Grundsätzlich müssen die Leute ein Gefühl dafür bekommen, wo Übertragungen stattfinden. Übertragungen finden statt wo ich über längerer Zeit einer geringen Intensität oder über einen kürzeren Zeitraum einer hohen Intensität Atemluft und Aerosol-Bildung ausgesetzt bin. Das Risiko ist im geschlossenen Raum etwas höher und im Freien geringer. Wenn ich aber zwei Stunden neben jemand anderem laufen gehe und miteinander spreche, kann eine Übertragung stattfinden. Wenn ich einen schweren Gegenstand zu zweit trage und angestrengt atme, kann es ebenso zu einer Übertragung kommen. Wenn mehrere Leute z.B. für eine Feier zusammenkommen, sollte man sich vorher testen lassen, die nötigen Testangebote gibt es mittlerweile. Wir müssen anfangen, die Sache mit Hausverstand und Pragmatismus anzugehen. Wir können uns nicht ewig isolieren, nur weil das Virus da ist. Es wird uns noch relativ lange begleiten und wir werden die Fallzahlen nicht auf Null runterdrücken können. Das müssen wir aber gar nicht: Wir wissen mit welchen Zahlen die Sanitätsstrukturen unter Druck kommen, diese Werte dürfen wir nicht überschreiten. Grundsätzlich gilt aber: Man muss die Leute zur Problemlösung ermächtigen. Jedem muss klar sein, welche Risikosituationen es gibt und man sollte sich vor solchen Situationen testen lassen oder man schützt sich richtig.

Interview: Markus Rufin

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