Stille Hilfe
Arnold Tribus stellt in Sachen Pestizid-Streit die Frage: Müssen wir uns von zwei Deutschen beschimpfen und befetzen lassen?
Als in unserem Land noch die blanke Not herrschte und wir uns in den Sechzigerjahren gar keine deutschen Schulbücher leisten konnten und der gute Landesrat Anton Zelger für uns nach Österreich und nach Deutschland Bücher betteln ging, wurde in München die „Stille Hilfe für Südtirol“ gegründet, die alte Bücher sammelte und sogar Kleider.
Das Vaterland griff dem Land unter die Arme, die Deutschen und die Stille Hilfe des Herrn Gerhard Bletschacher, dessen Liebe zu Südtirol so groß war, dass sein Betrieb Konkurs ging und er im Gefängnis landete, poveretto.
Mit dem Geld der Stillen Hilfe wurden zahlreiche Kindergärten und die zahlreichen Kulturhäuser errichtet, genauso wie die Gamperheime. Das wurde dankend angenommen. Es handelte sich um eine Entwicklungshilfe für das arme Südtirol.
Nun gibt es in München einen Umweltverein und einen schlauen Autor und Cineast, die nun mit ihren Aktionen zugunsten einer pestizidfreien Landwirtschaft eine Neue Stille Hilfe initiiert haben, so als wären wir Südtiroler allein nicht imstande auf unsere Umwelt zu schauen.
Der Autor hat sich zum Propagandisten des Vorzeigemodells Mals gemacht, das einen mutigen Weg zu einer pestizidfreien Gemeinde geht. Mit Buch und Film will er natürlich auch Geld verdienen, was ihm ja zusteht.
Das Projekt ist beachtenswert und mutig, wird auch als Vorbild gesehen, ist aber auch umstritten. Nun haben die beiden Deutschen in ihrem Unterstützungsfuror aber dick aufgetragen und so getan, als würden die dummen Südtiroler gar nicht merken, dass sie alle von der Pestizidlobby vergiftet werden.
Sie zeigen uns den rechten Weg, sie sind die Hüter der Bio-Wahrheit, wer sich nicht danach richtet, der ist eben ein Mörder. Der Autor hat in seinem Buch ja die Obstbauern, die nicht Bio-Landwirtschaft betreiben, der „vorsätzlichen Tötung“ bezichtigt. Und zudem vergiften sie auch die Kinder auf den Spielplätzen. Was müssen denn unsere Bauern für ein herzloses Gesindel sein, das die eigenen Kinder vergiftet?
Muss man sich das alles gefallen lassen, dachten sich mehr als Tauend Bauern und der zuständige Landesrat, müssen wir uns von zwei Deutschen beschimpfen und befetzen lassen? Sie klagten. Nun sollte es zum Prozess kommen und aus den Tätern wurden Opfer. Man wolle in Südtirol die freie Meinungsäußerung unterdrücken. Im Land herrsche ja „eine Kultur von Kriechern und Heuchlern“, armes dummes Volk, das sich einlullen lässt und nicht begreift.
Aus dem Pestizidprozess ist ein Prozess für die Meinungsfreiheit geworden, da sollen mutige Menschen bestraft werden, weil sie ihre Meinung frei äußern. Um das aller Welt klar zu machen, dass wir da in einem Staat mit türkischen Verhältnissen leben, was die Meinungsfreiheit betrifft, wurde eine Weltkampagne gestartet, mit Pressekonferenz und Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude, hunderte Verbände und Vereine solidarisieren sich mit den Herrn Angeklagten Bär und Schiebel. Millionen Unterschriften wurden gesammelt.
Eine perfekte PR-Inszenierung.
Richtig baff war ich aber, als ich in der Tageszeitung „La Repubblica“ eine Werbeseite sah, auf der Bär und Schiebel mit zugeklebtem Mund posieren. Man müsse lange Prozesse und hohe Spesen in Kauf nehmen, wird geklagt, ja sogar das Gefängnis und der persönliche Ruin drohe. Nachdem ich die beiden Herren nicht kenne, glaubte ich im ersten Augenblick, das sei eine Kampagne für die Pressefreiheit in der Türkei, in Belarus oder in China, wo Journalisten inhaftiert werden. Da gibt man Geld für eine Kampagne aus, die mit Meinungsfreiheit gar nichts zu tun hat.
Ich kann ein Lied davon singen, weil ich ja ständig Prozesse habe, weil sich Leute von uns diffamiert oder beleidigt fühlen. Ich steh vor Gericht, ohne Kundgebung, ohne Weltkampagne, ohne Solidarität. Weil in einem Rechtsstaat jeder das Recht hat sich an die Justiz zu wenden.
Ich hoffe natürlich immer, freigesprochen zu werden.
Kommentare (43)
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