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„Einsamer Tod“

Eine ehemalige Koma-Patientin lanciert einen flammenden Appell für die Öffnung der Pflegeheime – und für ein würdevolles Sterben. Ein Gastbeitrag.

von Susanne Hutter

Nach wie vor beharren Führungskräfte und Entscheidungsträger einiger Pflegeeinrichtungen und Strukturen auf ein striktes Kontaktverbot mit deren engsten Angehörigen. Eine Situation, die nach Monaten der Isolation, Einsamkeit, dem Bangen und Hoffen auf Nähe, Begegnung und dem ersehnten Wiedersehen eine Zerreißprobe für alle Betroffenen darstellt.

Ich frage mich, sind sich die Verantwortlichen eigentlich darüber bewusst, was derartige Entscheidungen für Patienten und Angehörige bedeuten? Wo bleiben hier Menschlichkeit und Empathie, warum wird die Würde dieser Menschen mit Füßen getreten? Ja ich weiß, mit Aussagen wie diesen nehme ich mir die Freiheit, auf Einschränkungen hinzuweisen, die der Öffentlichkeit in dieser Form nicht bekannt sind. Aber genau deswegen tue ich es. Die Betroffenen, besser gesagt, Leidtragenden, sind dazu nicht in der Lage und ihre Angehörigen sind zermürbt und haben langsam keine Kraft mehr.

Gibt es allen Ernstes jemanden der glaubt, dass altersschwache oder beeinträchtigte Menschen sich so eine Behandlung wünschen? Deren Leben kann jeden Augenblick zu Ende gehen, und das wissen sie. Denn auch in Heimen und Pflegeeinrichtungen wird gestorben, so ist das nun einmal. Bislang durften die Menschen dort auch sterben, das wurde nie hinterfragt. Und sie dürfen es noch immer – an allen erdenklichen Symptomen – außer an Covid 19. Diese Patienten vereinsamen, geben sich ihrer Lethargie hin, verfallen in Depressionen und Resignation, geben sich langsam, aber stetig auf. Auch daran stirbt man. Aber es ist ein Sterben in Einsamkeit und Unverständnis. Wie soll der Blinde, Hörgeschädigte, Schwerstbeeinträchtigte oder Koma-Patient verstehen, warum die vertraute Stimme schweigt, die wohlwollende Umarmung von Tochter, Sohn oder Lebenspartner mit einmal ausbleibt? Fremden Personen ist der Kontakt gestattet, Angehörige werden hinter Glasscheiben und Trennwände verschanzt. Schwerstkranken und Sterbenden wird das Recht, sich von ihren Familienmitgliedern zu verabschieden, verweigert. Der Zugang zur Struktur wird genau jenen, die allmonatlich eine nicht unbeträchtliche Summe für das Wohlergehen und die Pflege ihrer Angehörigen investieren, vorenthalten. Während der Pandemie nahm diese Maßnahmen jeder in Kauf, aber inzwischen stoßen sie vermehrt auf Unverständnis, Ärger und Wut.

Macht sich irgendein Außenstehender oder einer der Entscheidungsträger überhaupt Gedanken darüber, wie ein Tag im Altenheim oder der Pflegestruktur für die Bewohner oder Patienten aussieht? All jene, die sich an dieser Stelle fragen, wie ich mir anmaße derartiges in den Raum zu stellen, kann ich beruhigen und ihnen sagen – ich weiß wovon ich spreche. Vermutlich sogar besser, als die meisten Zuständigen, die sich hinter Ausflüchten verschanzen und die Verantwortung spielballartig weiter reichen. Als ehemalige Koma-Patientin habe ich selbst eineinhalb Monate im Koma, etliche Wochen im Krankenhaus und anschließend in der Rehabilitationsklinik verbracht. Deshalb weiß ich sehr genau was Isolation, Einsamkeit und das Gefühl des Verlassen Seins bedeutet. Weiß, was in diesen Menschen vorgeht, was sie bewegt, kenne ihre Ängste und Verzweiflung. Auch die Hilflosigkeit der Angehörigen, das Gefühl des ausgeliefert Seins, ist mir nicht fremd

Was mich an der momentanen Situation und Vorgehensweise zusehends stört, ist das offensichtliche Bekunden und Ausleben von Macht und Überheblichkeit. Wo endet Würde, und wo beginnt Würdelosigkeit?

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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