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„Das geht zu weit“

Foto: Original Play

Die Systemische Psychotherapeutin Sonja Prinoth übt scharfe Kritik am pädagogischen Spiel „Original Play“. Sie sagt: „Das ist eine Form des körperlichen Missbrauchs.“

von Eva Maria Gapp

Fremde Erwachsene, die mit Kindern toben und kuscheln? Das pädagogische Spiel „Original Play“ sorgt derzeit für Furore. Wie die Tageszeitung bereits berichtet hat, kommen sich dabei fremde Erwachsene und Kinder sehr nahe. Wildfremde Männer und Frauen rangeln, raufen und kuscheln mit Kindern. Dabei nehmen sie die Kinder auch zwischen ihre Beine und rollen mit ihnen eng umschlungen auf dem Boden. Viele Fachleute sind in Sorge. Sabine Cagol, Leiterin der Fachambulanz für psychosoziale Gesundheit im Kindes- und Jugendalter, sagte der Tageszeitung gegenüber: „Dieser enge körperliche Kontakt zwischen fremden Erwachsene und Kindern birgt die Gefahr, dass es zu Übergriffen kommt.“

Nun meldet sich die Systemische Psychotherapeutin Sonja Prinoth zu Wort. Auch sie übt scharfe Kritik am pädagogischen Spiel „Original Play“, das auch in Südtirol angeboten wurde und wird: „Ein so enger Körperkontakt zwischen fremden Erwachsenen und kleinen Kindern geht sicherlich in die Richtung eines Missbrauchs. Weil ich einfach weiß, dass sich Kinder nie trauen würden, zu sagen, wenn ihnen der Körperkontakt zu viel wird.“ Vor allem dann nicht, wenn es sich um eine Autoritätsperson handelt: „Jeder Erwachsene, egal ob Kindergartentante oder Lehrperson, ist für ein Kind eine Autoritätsfigur. Kinder tun sie da einfach schwer, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Deshalb ist auch das Argument der Organisatoren, die Kinder könnten selbst ihre Grenzen festlegen, einfach nicht richtig“, betont sie.

Zudem gebe es nicht nur einen sexuellen Missbrauch, sondern auch einen körperlichen: „Wenn ein Kind, wie bei „Original Play“ dauernd von einem Fremden gehalten und gedrückt wird, dann geht das zu weit. Das ist eine Form des körperlichen Missbrauchs“, betont sie. Jeder Mensch habe das Recht auf seine eigenen Körpergrenzen, sowie das Recht, dass diese auch gewahrt bleiben. „Das ist bei „Original Play“ aber nicht der Fall“, fügt sie hinzu. Das Konzept laufe also allen seelischen und physischen Grundbedürfnissen von Kindern zuwider. Problematisch findet Prinoth aber auch, dass den Kindern durch das Spiel ein falsches Verständnis von Nähe und Distanz beigebracht wird, das schwerwiegende Folgen haben könnte: „Die Gefahr ist, dass die Kinder dann irgendwann als Erwachsener gar nicht mehr unterscheiden können, ob das, was sie jetzt spüren, auch richtig ist oder eben nicht. Das kann gefährlich werden. Für mich ist das ein möglicher Weg zu einem Missbrauch“, sagt sie. Kritisch sieht sie aber auch den Umstand, dass sich eigentlich Jedermann bei „Original Play“ anmelden kann und in weiterer Folge mit Kindern spielen: „Das ist moralisch und ethisch nicht vertretbar. Auch die Tatsache, dass die Methode von „Original Play“ in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist, zeigt, wie unseriös das Konzept eigentlich ist. Kinder, die gesund sind, suchen keinen Körperkontakt zu Fremden. Ich halte das alles für höchstproblematisch“, sagt Prinoth.

Abschließend möchte die Systemische Psychotherapeutin den Eltern noch etwas ans Herz legen: „Wenn Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, sollte als Erstes das gesamte Familiensystem, sprich Eltern, zu einem Gespräch kommen, und nicht zuerst die Kinder. Denn meist, und das weiß ich aus Erfahrung, zeigen mir genau die Kinder, dass etwas im Familiensystem nicht stimmt, und nicht umgekehrt“, sagt sie.

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