„Von Rotkäppchen geschädigt“
Der Umweltschützer Klauspeter Dissinger hält die emotionsgeladene Diskussion über Bär und Wolf für ein Ablenkungsmanöver. Die Bauern ließen sich zu sehr von der Politik vereinnahmen – und vom Tagblatt aufstacheln.
TAGESZEITUNG Online: Herr Dissinger, wo steht eigentlich der Dachverband für Natur- und Umweltschutz beim Thema Wolf und Bär?
Klauspeter Dissinger: Das ist ein sehr komplexes Thema, das durch den Südtiroler Bauernbund und der Tageszeitung „Dolomiten“ sehr emotional geführt wird. Dabei geht vom Wolf im Grunde keine Gefahr für den Menschen aus. Der Wolf hat Angst vor uns Menschen. Und der Bär greift nur an, wenn er sich bedroht fühlt. In Wirklichkeit gibt es ganz andere Gefahren, denen wir ausgesetzt sind …
Nämlich?
Die Gefahr, die von den Hunden ausgeht, ist sicherlich viel größer als die, die vom Bär oder vom Wolf ausgeht. Wenn jemand von einem Hund gebissen wird, dann erscheint in den Zeitungen eine Randnotiz. Wenn der Wolf einen Menschen beißen würde, wäre das auf allen Titelseiten.
Wie ist die Position des Dachverbandes?
Man muss vorausschicken, dass der Wolf nicht angesiedelt worden ist, sondern nur der Bär. Der Wolf ist von alleine gekommen. Der Wolf bildet eher Rudel. So ein Rudel braucht ein Territorium von 200 bis 300 Quadratkilometern, innerhalb dieses Territoriums lässt er kein anderes Rudel zu. Bei uns in Südtirol gibt es noch kein Rudel. Unsere Position ist: Wir brauchen einen Managementplan, der es – so wie beispielsweise in der Schweiz – möglich macht, eventuell einen Problemwolf zu entnehmen. Dasselbe gilt für den Wolf.
Sie sehen das Ganze ganz unaufgeregt?
Ja, wobei man nicht vergessen darf: Der Wolf gehört zur Biodiversität. Der Wolf regelt die Biodiversität im Wald, indem er das alte und das kranke Rotwild reißt. Damit sind wohl die Jäger nicht ganz einverstanden. Denn solange der Wolf nicht da war, haben die Jäger das geregelt bzw. regeln dürfen. Wenn der Wolf das macht, haben die Jäger eben weniger Abschüsse. Der Wolf gehört also zum Ökosystem.
Wie können die Bauern ihre Nutztiere schützen?
Ich war eben erst in der Schweiz. Dort habe ich gesehen, dass die Almen heute alle noch behirtet sind – bezeichnenderweise mit Hirten aus dem Vinschgau und aus dem Passeiertal. Bei uns ist das leider nicht mehr der Fall. Durch die Behirtung werden natürlich auch die Nutztiere, die auf die Alm getrieben werden, beobachtet und geschützt. Abends werden die Tiere in einen Pferch neben der Almhütte hineingetrieben, der mit einem Elektrozaun geschützt ist. Wenn der Zaun 1,20 Meter hoch ist, kommt der Wolf nicht drüber. Der Wolf hat Angst vor Elektrozäunen, wenn er einmal bei so einem Zaun angegangen ist, dann probiert er es nicht wieder.
Sie plädieren diesbezüglich für das Schweizer Modell?
Ja. Auf diesen behirteten Gemeinschaftsalmen in der Schweiz wird die Population der Nutztiere viel mehr geschützt, aber nicht nur vor dem Wolf. Denn viele Tiere kommen ja nicht durch den Wolf, sondern anderweitig zu Schaden: durch Infektionen, durch den Blitz, durch Abstürze. Wenn die Almen bewirtet sind, gibt es auch weniger Schäden durch Krankheit, Blitz oder Abstürze. Also sollte man dieses Modell auch unterstützen …
Wie stellen Sie sich das vor?
Es ist gut und richtig, dass man die Bauern für das Aufbauen der Zäune oder im Falle von Wildschäden unterstützt. Aber die öffentliche Hand sollte auch die Behirtung finanziell unterstützen, so wie das in der Schweiz der Fall ist. Auf der Alm in der Schweiz, auf der ich war, da waren noch Milchkühe oben. Die Kühe wurden täglich gemolken, es wurde Käse gemacht. Das findet man bei uns kaum mehr.
Was würden Sie mit dem Problembär M49 tun?
Ich kann nicht beurteilen, ob es sich bei M49 tatsächlich um einen Problembären handelt. Das muss der zuständige Amtsdirektor Luigi Spagnolli sagen. Wolf und Bär sind von der EU geschützt, man kann diese Großraubtiere nicht einfach eliminieren. Wenn Spagnolli sagt, dass M49 ein Problembär ist, dann würde ich verstehen, dass man ihn einfangen und beispielsweise mit einem Sender versehen könnte. Aber diese ganze Panikmache ist mir zuwider …
Sie meinen …
Die Nachricht, dass sich der Bär einem Wohnwagen genähert hätte … Der hat halt im Müll etwas gesucht! Ein Bär greift nicht an, wenn er sich nicht bedroht fühlt. So etwas tut der Grizzly-Bär in Kanada, der ist brutal gefährlich, aber doch nicht der Braunbär!
Warum lässt sich die so emotional geführte Diskussion nicht auf eine sachlich-wissenschaftliche Ebene herunterbrechen?
Das ist eine interessante Frage. Ich denke, dass viele Menschen noch von Fabeln und Märchen geprägt sind …
Also Rotkäppchen-geschädigt?
(lacht) Richtig, so kann man es formulieren! Ich denke aber auch, dass einige Medien andere Interessen haben. Leider lassen sich die Bauern im Lande emotional aufstacheln. Überhaupt würde ich sagen, dass die Bauern in unserem Land sich zu viel von der Politik haben vereinnahmen lassen und überheblich geworden sind …
Warum überheblich?
So ganz nach dem Motto: Auf meinem Grund tue ich, was mir passt. Diese Haltung ist halt nicht die Zukunft. Denn auch die Bauern sind Teil eines Systems, das sich der Natur anpassen muss und nicht umgekehrt. Die Behirtung der Almen ist in Südtirol leider außer Mode. Bei uns geht man, leider, den gegenteiligen Weg als in der Schweiz. Bei uns führen auf alle Almen Forststraßen hinauf, alle Almen sind erschlossen. Anstatt sie zu behirten, fahren die Bauern halt alle paar Tage oder einmal die Woche auf die Alm, um den Schafen die Lecka zu bringen, dann fahren sie wieder runter. Bei uns werden die Almen als gastronomische Betriebe aufgebaut oder bereits geführt, in der Schweiz geht man genau in die Gegenrichtung.
Wie könnte man gegensteuern?
Gott sei Dank haben wir noch Bergbauern! Ich bin auch dafür, dass Bauern ab einer gewissen Höhe subventioniert werden, wenn sie ihre Betriebe naturnah führen. Aber bedenken wir: In Südtirol haben wir nur 3,5 Prozent biologische Landwirte, in Trient ist der Wert doppelt so hoch, in Nordtirol liegt der Wert bei 23 Prozent!
Wie erklären Sie sich den Umstand, dass der Chefredakteur des einzigen Tagblattes, das über der medialen Wahrnehmungsgrenze liegt, einen Leitartikel zum Thema Großraubwild mit einem martialischen „Büchse frei für unsere Jäger“ titelt? Weil er selbst Jäger ist?
Das ist eine Vermutung, ja. Dabei hätten wir in Südtirol viel, viel wichtigere Themen: die Biodiversität geht zurück; die Böden, die durch Nitrate belastet sind; die ganzen Monokulturen; die Gülle, die man auf die Almen hinaufbringt. All das könnte man thematisieren. Ich kann mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass diese emotionale Diskussion zum Thema Bär und Wolf nur ein billiges Ablenkungsmanöver ist.
Interview: Artur Oberhofer
Kommentare (29)
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