„Ein sehr aufreibender Beruf“

Foto: 123RF.com
Nicht nur in Südtirol werden Krankenpfleger immer rarer. Andreas Dorigoni, Landessekretär des ASGB-Gesundheitsdienstes, erklärt, wieso dieser Beruf für viele Menschen so unattraktiv erscheint.
Tageszeitung: Herr Dorigoni, wieso gibt es so wenig Leute, die den Beruf der Krankenpflege ausüben wollen?
Andreas Dorigoni: Das ist sicherlich eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Die ganze Problematik wird von mehreren Faktoren bestimmt, die ineinander spielen. Ein grundlegendes Problem, welches wir als Gewerkschaften auch beeinflussen können, sind die Lohnelemente, die Wirtschaftlichkeit und die Behandlung am Arbeitsplatz. Es ist mittlerweile allen bewusst, dass es dort Aufholbedarf gibt. Ich glaube aber auch, dass dies nicht der alleinige Grund dafür sein kann, dass dieser Beruf, vielen Menschen so unattraktiv erscheint. Die Lohnerhöhung allein würde dieses Problem nicht beheben. Fakt ist ja auch, dass dieses Berufsfeld in ganz Europa eher rückläufig ist. Nicht nur die des Krankenpflegers sondern auch der Ärzte. Diese Berufsfelder sind in ganz Europa gerade Mangelware. Grund hierfür sehe ich in der Arbeitsintensität und in der körperlichen und psychischen Belastung, die für die Menschen sehr aufreibend sein kann. Es wird mit Patienten in teilweise sehr schweren gesundheitlichen Situationen gearbeitet, was natürlich schwieriger ist, als wenn ich einen ganz normalen Bürojob nachgehe.
Wie ist die Situation in Südtirol? Verdient man in den Nachbarländern besser?
Das ist sicher einer der vielen Gründe. Ich sehe es jetzt aber nicht als einen der Hauptgründe. In Österreich und in der Schweiz wird es sich schon ein wenig besser verdienen lassen, ich finde aber, dass diese Problematik ein wenig hochgeschaukelt wird. Es gibt sicher einige Südtiroler die aus diesem Grund ins Ausland gehen, vor allem in die Schweiz. Man kann dem Phänomen aber sicherlich nicht die Hauptschuld geben.
Es spielen also mehrere Faktoren eine Rolle…
Genau. Ein Faktor ist natürlich das Wirtschaftliche. Dazu kommt, dass es ein sehr aufreibender Beruf ist, körperlich wie auch psychisch.Es ist für viele Menschen nicht einfach damit umzugehen. Man muss einfach für diesen Beruf gemacht sein.
Glauben Sie, dass besonders junge Menschen damit zu kämpfen haben?
Es ist vielleicht jetzt ein schwarzer Fisch und nicht einfach zu dokumentieren, aber vielleicht liegt es ja auch einfach an der Mentalität der jungen Leute, die sich in dem Bereich ein wenig verändert hat. Es kann ja sein, dass die Bereitschaft unter den jungen Leuten einfach im Rückgang ist, einen so aufopfernden Beruf ausüben zu wollen. Das könnte vielleicht auch eine Rolle in der ganzen Problematik spielen.
Was halten Sie davon, dass Krankenpfleger für den Beruf auf Social-Media werben?
Ich glaube, jeder Versuch ist es Wert durchgeführt zu werden. Ich glaube, von vornerein zu sagen: „Das bringt nichts“, wäre falsch. Wie viel es letzten Endes bringt, ist natürlich schwer zu sagen. Ich bin aber davon überzeugt, dass jede noch so kleine Aktion die Gesamtsituation verbessern kann.
Welche Maßnahmen müssten sonst noch ergriffen werden, um den Beruf attraktiver zu gestalten?
Ein wesentlicher Bestandteil in der Verbesserung der Gesamtsituation ist natürlich die Lohnanpassung. Es braucht aber sicherlich mehr als das. Eine wichtige Maßnahme besteht in der Entlastung der Mitarbeiter. Zusätzlich zu den schon vorhandenen Entlastungsmöglichkeiten, müssen neue eingeführt werden. Dementsprechend ist es auch wichtig, diese auf jedes Feld im Berufszweig der Pflege auszuweiten. Es ist wichtig, den Mitarbeitern entgegenzukommen. Sei es in der Form von mehr Urlaubstagen, oder in weniger Arbeitsstunden. Gerade ab einem gewissen Alter ist es wichtig das Personal zu entlasten. Wie wir alle wissen, müssen wir mittlerweile überall länger arbeiten und es macht da natürlich einen Unterschied, ob man dies in einem Pflegeberuf oder einem weniger belastenden Beruf tut.
Das wird natürlich schwer, wenn kein Personal vorhanden ist, das die Arbeitszeiten ausgleichen kann…
Es geht ja vor allem darum, den Beruf durch solche Maßnahmen generell attraktiver zu machen, damit der Personalnotstand auf langer Sicht auch ausgeglichen werden kann.
Interview: Maximilian Steffen
Kommentare (7)
Lesen Sie die Netiquette und die Nutzerbedingungen
Du musst dich EINLOGGEN um die Kommentare zu lesen.