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„Einen Topfen daherreden“

Der Chef von Heli Tirol, Roy Knaus, weist die Aussagen des Leiters des Landesnotfalldienstes, Ernst Fop, harsch zurück. Der Primar habe keine Ahnung – und wolle eine Fehlerkette schönreden.

TAGESZEITUNG Online: Herr Knaus, der geschäftsführende Primar des Landesnotfalldienstes, Ernst Fop, sagt, der Lawineneinsatz auf der Timmelsalm sei extrem effizient abgelaufen. Und: Er denke nicht, dass er sich für einen Rettungseinsatz rechtfertigen müsse, der richtig gelaufen sei. Also, was wollen Sie?

Roy Knaus: Der Einsatz ist weder effizient noch richtig abgelaufen, ansonsten hätte nicht die Notwendigkeit bestanden, uns nach einer Stunde – gewissermaßen als letzte Notlösung – noch einmal zu alarmieren. Wir von Heli Tirol wickeln im Winter mehr Lawineneinsätze ab als die Flugrettung in Südtirol insgesamt. Wenn nun der Herr Fop behauptet, alles sei richtig gelaufen, dann beweist dies, dass er von den Abläufen bei solchen Flugrettungseinsätzen keine Ahnung hat …

Ernst Fop ist einer von drei Bewerbern auf die Nachfolge von Mandred Brandstätter für das Primariat des Landesnotfalldienstes …

Ich denke, dessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Wahrscheinlich läuft es auf höherer Stelle falsch.

Harte Worte …

Ja. Aber wenn jemand wie Dr. Fop so eine Fehlerfolge, wie sie sich am Samstag beim Lawineneinsatz auf der Timmelsalm zugetragen hat, als richtigen und effizienten Einsatz bezeichnet, dann hat er einfach keine Ahnung oder er muss es schönreden!

Rekonstruieren wir den Einsatz noch einmal im Detail: Um 12.10 Uhr wurde der Notruf abgesetzt …

Richtig, da das Handy auf österreichischer Seite eingeloggt war, ging der Notruf bei der Polizeidienststelle in Imst ein. Von dort wurde der Notruf, in dem bereits ganz klar von einem Lawinenabgang mit Ganzkörperverschütteten die Rede war, an die Leitstelle nach Innsbruck weitergeleitet. Dort hat man alsgleich festgestellt, dass sich das Lawinenunglück auf italienischem Hoheitsgebiet ereignet hat, also wurde der Einsatz an die Leitstelle in Bozen weitergegeben …

Das war um 12.15 Uhr?

Genau! Aber ganz wichtig: Die Leitstelle in Bozen wurde darauf hingewiesen, dass der Rettungshubschrauber „Martin 8“ das schnellst verfügbare und einsatzbereite Rettungsmittel wäre. Der Hubschrauber hätte – eingerechnet der Flugvorbereitungszeit und der dreiminütigen Flugzeit – in sechs Minuten am Unglücksort sein können. Nebenbei wäre in Hochgurgl, wo der „Martin 8“ stand, auch ein Lawinenhund einsetzbereit gewesen.

Die Leitstelle Bozen hat das Angebot aus Innsbruck ausgeschlagen und stattdessen …

… zuerst den Pelikan losgeschickt und dann den Aiut Alpin nachalarmiert.

Primar Fop behauptet nun, der Hubschrauber des Aiut Alpin sei um 12.45 Uhr am Unglücksort eingetroffen …

Dann frage ich mich, warum die Leitstelle in Bozen um 13.07 Uhr bei der Leitstelle in Innsbruck den Hubschrauber „Martin 8“ angefordert hat.

Diese Anforderung wurde vier Minuten später, um 13.11 Uhr, wieder storniert.

Richtig, aber Tatsache ist, dass die Leitstelle in Bozen um 12.15 Uhr das Angebot, den „Martin 8“, der der drei Flugminuten entfernt stationiert war, loszuschicken, ausgeschlagen hat, um diesen dann über 50 Minuten später doch noch anzufordern.

Primar Fop sagte auch: Auch wenn „Martin 8“ kürzere Anflugzeiten gehabt hätte, so heiße das nicht, dass er die Patientin gleich professionell wie das Südtiroler Rettungsteam gerettet hätte. Das schwingt viel Misstrauen in Tiroler Flugrettung mit?

Ich habe Fop am 2. Februar am Brenner getroffen, als das Abkommen über die Verstärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit vorgestellt wurde. Da hat er kein Misstrauen geäußert. Wenn er sagt, wir hätten die Patientin nicht gleich professionell retten können, dann ist dies ein weiterer Beleg dafür, wie ahnungslos dieser Herr ist, welchen Topfen er daherredet. Das Problem ist, dass es in Südtirol Super-Rettungskräfte gibt, vor allem bei der Bergrettung, die selbst darunter leiden, dass es mit der Flugrettung Probleme gibt. Im Vinschgau sind es manchmal die Bürgermeister, die direkt die Schweizer Rega anrufen.

Hat die Leitstelle in Bozen den „Martin 8“ nicht angefordert, weil es in Wahrheit ums liebe Geld geht? Hätte so ein Einsatz mehr gekostet?

Sicher nicht! Im Gegenteil. Wir hätten, erstens, den kürzeren Anflugweg gehabt. Die Patientin wurde außerdem nur zuerst nach Bozen und danach nach Deutschland geflogen. Südtirol verrechnet 140 Euro pro Flugminute, der österreichische Tarif liegt bei 92 Euro.

Also wäre es sogar billiger gewesen, den „Martin 8“ einzusetzen?

Ja, natürlich, wobei Geld bei einem Lawineneinsatz nie das Kriterium sein kann. Dass in Sachen Flugrettung in Südtirol einiges schiefläuft ist evident, ansonsten wären die Kosten für die Flugrettung in nur zwei Jahren nicht von 2,5 auf 4,5 Millionen Euro explodiert …

Warum das?

Nur ein Beispiel: Die Bevölkerung in Südtirol weiß, dass der Aiut Alpin die beste Arbeit macht und die Gebrüder Kostner die besten Piloten sind. Der Aiut Alpin hat lange vor Babcock und Heli Nachtflüge gemacht, ohne dafür 400.000 Schulungskosten zu verrechnen, so wie das Heli jetzt macht …

Sie wollen damit sagen, dass die Flugrettung in Südtirol auch ein gewerblicher Flugbetrieb ist …

Ja, die Firma Babcock, über die Heli den Flugbetrieb in Südtirol gewährleistet, ist ein riesiger englischer Konzern mit fünf Milliarden Euro Umsatz. Die in Bozen wissen gar nicht, wer der Chef von Babcock ist. Der Herr Fop kennt bei Babcock in England keinen Menschen.

Interview: Artur Oberhofer

LESEN SIE AM SAMSTAG IN DER PRINT-AUSGABE:

  • DAS EINSATZPROTOKOLL: Ein ausgeschlagenes Hilfsangebot, falsche Koordinaten und ein selbstverschuldeter Zeitverlust: Die TAGESZEITUNG rekonstruiert nun im Detail, wie der Lawineneinsatz am vergangenen Samstag auf der Timmelsalm wirklich abgelaufen ist.

 

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