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„Jedes Leben ist wertvoll“

Herbert Heidegger, Präsident des Südtiroler Ethikkomitees und Gynäkologie-Primar in Meran, über die Abtreibung von Kindern mit Down-Syndrom.

TAGESZEITUNG Online: Herr Heidegger, die Abtreibungen von Kindern mit Down-Syndrom nehmen in Europa zu (siehe Artikel „Abgetriebene Downs“). Wie beurteilen Sie diese Entwicklung vom ethischen Standpunkt aus?

Herbert Heidegger: Der hauptsächliche Kontext dieser Auseinandersetzung liegt in der Pränataldiagnostik. Das Down-Syndrom ist ein bestimmter Teil des ganzen Problems. Früher sprach man von verantwortungsvoller Elternschaft. Heute ist es so, dass man eine Schwangerschaft auf Vorbehalt akzeptiert. Erst nach einer unauffälligen Pränataldiagnostik wird sie zu einer vollakzeptierten Schwangerschaft: Man versucht also alles durchzutesten. Wenn man glaubt, dass das Kind in Ordnung ist, dann wird die Schwangerschaft erst akzeptiert. Es gibt ethische Probleme gesellschaftlicher und persönlicher Natur.

Ethische Probleme gesellschaftlicher Natur?

Die Gesellschaft erwartet das beschriebene Vorgehen im Bezug auf die Pränataldiagnostik. Frauen stehen so unter einem bestimmten Druck – von der Umgebung und von anderen Frauen – all diese Tests auch durchzuführen. Dabei kann sich das nicht jeder leisten – solche Tests sind teilweise teuer. Es sind gesellschaftlich verordnete Erwartungen entstanden. Wenn Frauen pränatale Tests bewusst nicht machen, dann werden sie als völlig irrational hingestellt. Kommt es dann beispielsweise zu einem positiven Befund hingehend dem Down-Syndrom, dann hält es die Gesellschaft für unsinnig und wahnsinnig, das Kind auch noch zu behalten. Früher war man guter Hoffnung, heutzutage darf man das – nach der gesellschaftlichen Erwartung – fast nicht mehr sein. Ein weiteres Problem ist, dass man Frauen dazu drängt sich Gewissheit zu verschaffen. Doch diese absolute Gewissheit existiert nicht.

Eine bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung…

Ja. Besonders die Tatsache, dass sich zunehmend mehr Personen dafür rechtfertigen müssen, ein Kind mit Behinderung zu haben. Gesellschaftlich gesehen ist das ein großer Rückschritt – hin zu einer Entsolidarisierung und zur Negativ-Bewertung eines weniger leistungsfähigen Lebens. Die Gesellschaft tendiert dazu, weniger leistungsfähiges Leben zu diskriminieren. Wie oft werden beispielsweise beeinträchtige Menschen an öffentlichen Orten angegafft? Diese Blicke sagen aus, dass so etwas nicht hätte sein müssen. Unsere Gesellschaft will nur, was leistet, was produziert – es ist eine neue ökonomische Rationalität entstanden. Das ist das Problem.

Und das persönliche Problem?

Für die Frauen ist diese Entscheidung eine Last: Will man einen Test? Was passiert wenn nicht? Die vorgeburtliche Diagnostik ist Segen und Fluch zugleich: Einerseits können Entwicklungsstörungen vorzeitig erkannt und behandelt, oder einfach Sorgen abgebaut werden. Andererseits kann man nach der Untersuchung vor der extrem schwierigen Entscheidung stehen, ob man ein Kind mit Down-Syndrom abtreibt oder nicht. Es kann zu einer Entscheidung zwischen Leben und Tod kommen. Jedes Leben – auch das kranke oder das nicht-vollkommene Leben – ist ein wertvolles Leben, auch wenn es anders ist. Grundsätzlich geht es um den Wert kranken Lebens. Gerade das macht die Entscheidung so schwierig. Und gerade deshalb müssen Ärzte den Schwangeren helfen.

Wie genau?

Wir müssen in eine Beziehungsmedizin investieren und mit den Frauen in guten Kontakt kommen. Besonders in der Anfangsphase der Schwangerschaft sind Frauen oft sehr vulnerabel und überfordert. Darum muss man ihnen erklären, was so ein pränataler Test bedeutet. Der Test kann auch irren oder falsch sein. Als Ärzte müssen wir den Frauen oder Paaren helfen – egal ob Down-Syndrom oder eine andere Behinderung. Die Medizinethik muss darauf hinweisen, was passieren kann und die Probleme, die durch Pränataldiagnostik entstehen können, erkennen. Ärzte müssen eine Stütze sein und aufklären, was es bedeutet ein Down-Kind zu haben, wie sich solche Kinder entwickeln, und so weiter. Down-Kinder können schließlich auch ein Segen sein. Aber am Ende entscheidet jede Schwangere selbst.

In Südtirol gab es 2016 laut ASTAT 563 Abtreibungen. Wie viele davon, schätzen Sie, waren Kinder mit Down-Syndrom? 

Nur ganz wenige davon. Die meisten treiben aus sozialen Gründen ab. Genaue Daten kenne ich nicht, allerdings weiß ich, dass in letzter Zeit durchaus Down-Kinder in Südtirol auf die Welt gekommen sind. Mir sind aber sehr wohl Daten bekannt, die bezeugen, dass in den letzten Jahren in einigen österreichischen Bundesländern keine Down-Kinder zur Welt gekommen sind.

Interview: Julian Righetti

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